Leseprobe
65 Mit diesen Zeilen möchte ich über den Raum von St. Georgen in Wismar Bericht geben, über den Back- stein, aus dem er gebaut ist, über die Gedanken, nach denen er erstand – wiedererstand – und über das, was er uns aus seiner Geschichte zu erzählen vermag. Ich schreibe das als Bauingenieur, nicht als Kunsthistoriker, deshalb ein persönliches Wort vor- weg: Mein Bericht gründet auf langem Vorlauf. Die Ruine, zu der St. Georgen 1945 geworden war, habe ich schon vor der Wende kennengelernt und ersteigen dürfen. Danach, 1993, wurde ich als wissenschaftli- cher Beirat und bautechnischer Berater in die Kom- mission für den Wiederaufbau berufen und eng in die Planung einbezogen. 2005 schließlich, zu Beginn des dritten Bauabschnittes, wurde mir in Nachfolge von Ewald Günther die Verantwortung für die Statik und Konstruktion auch auf der Baustelle übertragen (die ich später im Büro an Rudolf Käpplein weitergab). So konnte ich den Wiederaufbau von St. Georgen Schritt für Schritt miterleben. Dafür und für die gute Zusam- menarbeit bin ich der Hansestadt Wismar und ihrer Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und ihremVorsitzenden Gott- fried Kiesow, den Architekten- und Ingenieurkollegen der Büros Angelis & Partner und Ewald Günther und allen Bauleuten herzlich dankbar. Viele Namen wären hier zu nennen – ich belasse es bei diesen wenigen. Wo überall findet sich Backstein? Schauen wir auf die Außenwände. Deren Fundamente sind ebenso aus Backstein gemauert wie die Wände selbst. Unter dem Backstein, direkt auf dem Erdreich, finden sich dann noch zwei bis drei Lagen Feldsteine und eine Sandschicht mit Findlingen. Im Chor und dort, wo in der Vergangenheit an den Wänden Gräber ausgeho- ben wurden, war es zu lokalen Absenkungen der Fundamente gekommen, auch zu Rissen. Die Schä- den wurden beim Wiederaufbau ausgebessert. Blicken wir nun auf die Innenpfeiler. Ihre Back- steinsockel stehen entweder, wie die Außenfunda- mente, auf Feldsteinlagen, oder sie reichen direkt bis auf das Erdreich herab. Im Chor mussten vereinzelt Hohlräume neben ihnen verfüllt und Stabilisierungen ihres Mauerwerkes vorgenommen werden; ansons- ten erwiesen sich die Pfeilerfundamente als gut er- halten und hatten keine Verstärkung nötig. Der Raum von St. Georgen mit seinen Wänden und Pfeilern ist sicher gegründet. Schauen wir jetzt auf den Fußboden. Er besteht aus Backstein – neuem Backstein – sechseinhalb Zenti- meter dick. Unter ihm findet sich ein verzweigtes Netz von Heizungskanälen und Heizschlangen – das ist neu gegenüber früher. Jetzt zu dem, was man am ehesten sieht, zu den aufgehenden Konstruktionen, den Wänden mit ihren Öffnungen und Gewänden, und den Pfeilern. Beide, Wände und Pfeiler, sind durchgängig aus Backstein gemauert, vollflächig, ohne Innenfüllung. Im Chor sind die Wände und Pfeiler rund 700 Jahre alt, eingeschlossen sind Reste einer Vorgängerkir- che. ImSchiff, Querhaus und Turm ist das Mauerwerk 100 bis 200 Jahre jünger. Einer der Chorpfeiler war gespalten und hatte beim Wiederaufbau statische Sicherung und größere Erneuerung nötig. Man sieht es ihm an. Ansonsten haben die Backsteinwände und -pfeiler durch Bomben und ein halbes Jahrhun- dert Wind und Wetter zwar äußere Schäden erlitten, sind aber weitgehend stabil geblieben – bis auf die Giebel, von denen drei abstürzten, derjenige des Nordquerschiffes erst 1990 auf die Häuserzeile ge- genüber, wo er Schaden und Verletzung anrichtete, und bis auf wenige, durch Risse geschwächte Mauer- werksteile, in die Ankereisen eingezogen werden mussten. Es gibt noch mehr Backstein im Kirchraum und um den Raum herum. Die Sakristei – 1961 verloren gegeben und zu Beginn des Wiederaufbaus neu er- richtet – besteht außen und innen aus Backstein- wänden. Die neuen Brüstungen der Aussichtsplatt- form über dem Turmstumpf sind ebenfalls aus Back- stein gemauert. Und wenn wir um St. Georgen herumgehen, dann sehen wir hier und dort an der Außenwand glasierte Backsteine – Originalsteine und als Ersatz neu gebrannte Steine, am Gesims etwa, dabei solche mit Drachen, Skorpionen und Löwen; auch religiöse Motive finden sich in den Stein gebrannt – Maria mit dem Kind, Bischofsdarstellun- gen. Die alten Steine haben die Jahrhunderte fast unbeschadet überstanden. Kehren wir in den Raum zurück. Fünf der alten Gewölbe aus Backstein – drei im Chor, zwei im Vor- chor – haben überlebt und konnten erhalten bleiben. Alle anderen Gewölbe waren eingestürzt und muss- ten neu aufgemauert werden. Damit die Lasten und Schübe auf die Pfeiler und Wände nicht zu groß ge-
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