Leseprobe
66 rieten, wurde für den Wiederaufbau leichter Back- stein mit geringem Gewicht gewählt. Den Maurern zuzuschauen, wie sie die Gewölbe in alter Technik Stein für Stein fügten und damit den Raum schlos- sen, war ein Erlebnis. Jetzt zu den Gedanken und Entscheidungen, nach denen der Raum wiedererstand. Sie betrafen Materielles und Immaterielles. Es ging beimWieder- aufbau von St. Georgen um seinen Raum als solchen, nicht – noch nicht – um seine Ausstattung. Am An- fang stand die Frage: Soll der Raum wieder gewölbt werden? Oder soll die Ruine mehr oder weniger prä- sent bleiben, der Raum aber auf erkennbar neue Art und Weise geschlossen werden? Es war die Zeit, da die blanke Rekonstruktion intellektuell ziemlich in Verruf gekommen war. Aber die verbliebene Grund- struktur des Raumes aus Pfeilern und Wänden rief förmlich nach der Wölbung. Schließlich überzeugte meine statisch-konstruktive Analyse, dass mit der Wölbung dem Gesamtgefüge und seiner Sicherheit am besten entsprochen würde. So erhielt der Raum seine Backsteingewölbe zurück. St. Georgen ist nicht nach DIN gebaut. Einige seiner Fundamente, welche die Wände und Pfeiler seines Raumes tragen, reichen nach heutiger Norm nicht tief genug ins Erdreich, andere stehen, nach heutigem Maßstab ebenfalls regelwidrig, auf ge- schüttetem Boden. Stellenweise fehlt es den Funda- menten auch an Mörtel. Aber St. Georgen steht seit 600 bis 700 Jahren, der Boden unter den Wänden und Pfeilern hat sich konsolidiert, selbst die Ruine war, von den Giebeln abgesehen, standfest. Die Backsteinwände zeigen kaum Setzungsrisse, die Fundamente unter den Wänden und Pfeilern sind im wesentlichen intakt geblieben. Also wurden sie beim Wiederaufbau in der Mehrzahl so belassen, wie sie waren, und nur vereinzelt dort instandgesetzt, wo es sich wirklich als nötig erwies. Sie zu unterbauen und damit tiefer zu führen, hätte neue Unruhe und Be- wegung ins alte Baugefüge gebracht. Die jahrhunder- telange Erfolgsgeschichte, welche die Gründung dieses Raumes hinter sich hat, sollte nicht ihr Ende finden, nur weil sie den heutigen Normen und Regeln nicht mehr entsprach. Was den Raum selbst angeht, so wurde beim Wiederaufbau an seinen Wänden und Pfeilern so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich ausgebessert. Es gibt eine Reihe lokaler Reparaturstellen, nahezu alle in einfachster Backsteintechnik. Versteckte Hilfskonstruktionen gibt es, abgesehen von einigen Ankereisen, nicht. Was dem Raum im Laufe seiner langen Zeit an Verletzung geschah und was ihm am Ende des Krieges an Zerstörung angetan wurde, das sollte nicht unsichtbar gemacht werden. Das geht beim Backstein auch gar nicht. Reine Schönheits- reparaturen hat es deshalb nicht gegeben, aufdring- liches Vorzeigen und Herausstellen der Wunden aber auch nicht. Was und wie kann der Raum von St. Georgen, wie wir ihn heute erleben, von seiner Geschichte er- zählen? Wieder will ich eine Antwort versuchen, die auf eigenemMittun und eigener Erfahrung beimWie- deraufbau gründet. Dass der Raum seine unterschiedlichen Bau- phasen und Bauzeiten zu erkennen gibt – das 14. Jahrhundert im Chor, das 15. bis hin zum 16. Jahr- hundert in Schiff, Querhaus und Turm – davon war Mittelschiff und Chor
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