Leseprobe

67 schon die Rede. An der Grenze zwischen Chor und Schiff ist deutlich zu sehen, wie die beiden Bauepo- chen und Bauideen aneinanderstoßen, wie die eine die andere ablöst: Hier das hoch aufstrebende, jün- gere Schiff und Querhaus, dort der niedrig belas- sene, ältere Chor. Beide werden von jeweils eigenen Pfeilern gestützt. An der Grenze stehen sie dicht an dicht. Ganz konfliktfrei haben die Pfeiler nicht zuei- nander gefunden – es gab Nachsetzungen und Rei- bungen zwischen ihnen. Wenn wir durch den Raum streifen, uns umse- hen, finden wir Reste mittelalterlicher Putze und Wandmalereien, Ende des 19. Jahrhunderts restau- riert. Sie wurden beim Wiederaufbau gesichert und gefestigt. Insgesamt bedecken sie nur geringe Teile des vom Backstein geprägten Inneren. Dass dem Raum Verlust widerfuhr und Wieder- gewinn zuteil wurde, dafür gibt es viele Zeugnisse: Die Ausbesserungen an Wänden und Pfeilern, die erkennbar alten Gewölbeanfänger, auf welche die neuen Gewölbe aufgesetzt wurden, den Neubau der Sakristei, den neuen Fußboden, die neuen Fenster und Türen, das Bronzeportal meines Freundes Karl- Henning Seemann, auch den Aufzug und die Treppe im Turm. Zurückhaltung war gefragt und Behutsamkeit, mit der sich das Neue in das große, alte Grundgefüge einordnen sollte. Ist es gelungen? Auf den ersten Blick sehen wir über das Neue hinweg, der Raum als solcher nimmt gefangen, macht staunen. Auf den zweiten Blick erst entdecken wir, was in ihm Repara- tur ist und was zugefügt werden musste, damit aus der Ruine wieder Raum entstand. So war es gedacht, so ist es – finde ich – geworden. St. Georgen ist mir ans Herz gewachsen. Die Dualität von Raum und Konstruktion fesselt mich. Sie wird durch das Fehlen fester Ausstattung noch be- tont. Da fällt mir als Bauingenieur das ein, was ein bedeutender Architekt – ich glaube, es war Otto Bart- ning – einmal gesagt hat: »Gott erhalte mir meinen Rohbau«. Übersetzt auf diesen Raum – er ist ja fast noch Rohbau – verstehe ich das so: Dem lieben Gott beim Erhalten zu helfen und dabei nicht nur Schutz und Pflege aufzubringen für den Raum, wie er heute ist, sondern Behutsamkeit und Zurückhaltung auch bei seiner Komplettierung und weiteren Ausstattung zu üben. Der Raum lebt von dem, was Backsteinbau- kunst zustande gebracht hat, die Dualität von Raum und Konstruktion möge dominant bleiben. Und da ist noch etwas: Der Raum, von dem hier die Rede ist, hat vier Dimensionen, vier Achsen, wie wir Bauleute sagen: Länge, Breite, Höhe und, als vierte Dimension, die Zeit. Einiges, was sich an und in dem Raum in seiner Zeit getan und Spuren hinter- lassen hat, habe ich zu benennen versucht. Bau- und Kunstgeschichtler, Verantwortliche von Stadt und Kirche, Förderer, Archivare wissen Weiteres hinzuzu- fügen. Das aber ist jetzt schon das Ergebnis des Wie- deraufbaus: Wiedererstanden ist ein großer Raum norddeutscher Backsteingotik – ja! –, aber keine enge Rekonstruktion dieser und nur dieser Epoche. Entstanden ist ein Raum, der auch erfahren und er- kennen lässt, zu welchen Anstrengungen Menschen durch die Zeitläufte hindurch in der Lage waren und fähig sind: Zu großer Baukunst, jahrhundertelangem Bewahren, grausamer Zerstörung, bewegendemWie- deraufbau. Backsteingewölbe

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