Leseprobe
71 dafür wagten wir – zunächst gar nicht einvernehm- lich, schließlich aber dem fehlenden Geld zu verdan- ken – auch die Reste der ungeliebten Vergangenheit so gut wie möglich in das Provisorium zu integrieren. Die betonierten Tribünen aus der Schwimmbadzeit wandelten wir in Kirchenemporen um. Ihre Brüstun- gen wurden, nachdem die gelben Kacheln abgeschla- gen worden waren, mit einfachem, durch Fugen unter- gliederten Verputz sowie einem Abdeckbrett oben und einer hohen hölzernen Fußleiste unten so her- gerichtet, dass sie sich als schlichte Fassung in den Raum fügten. Die Bankreihen dahinter sind geblie- ben, wie sie waren: Fußboden und Geländerholme haben einen neuen Anstrich erhalten, bei den Holz- latten blieb es der alte. Die lutherische Petrikirche in St. Petersburg diente 100 Jahre als Gotteshaus, stand 10 Jahre leer, war 20 Jahre Lagergebäude, dann 30 Jahre Schwimm- halle. 1997 hat sie, verbunden mit einer deutsch-rus- sischen Begegnungsstätte, zurück zum Gotteshaus gefunden, ist Bischofskirche. Die Dresdner Architek- tin Sabine Wenzel, der St. Petersburger Bauingenieur Igor Abramowitsch Scharapan, der Karlsruher Archi- tekt Thomas Halder und ich haben versucht, bei der Rückverwandlung vom Schwimmbad zur Kirche Alt und Neu verträglich miteinander zu verbinden. Ver- treter des Bauherrn war der Leiter der Bischofskanz- lei Klaus Tschentscher. Wie fanden wir die Petrikirche in den 1990er Jahren vor? Dach und Wände, Gewölbe und Pfeiler, Treppen und Aufgänge samt gusseisernen Geländern waren alt. Sie gehörten bei unseren russischen Kol- legen zur »geliebten Vergangenheit«. Das mit Beton eingegossene Schwimmbecken, die betonierten Schwimmbadtribünen, ihre mit Kacheln verkleideten Brüstungen und, dahinter, die Bankreihen mit den Holzlatten – alles Elemente, die zur Zeit der Sowjet- union zwischen das originale Baugefüge eingesetzt worden waren – gehörten zur »ungeliebten Vergan- genheit«. Als wir am Konzept für die Wiederherrichtung des Kirchraumes arbeiteten, stießen unterschiedli- che Vorstellungen aufeinander. Die russischen Kol- legen strebten eine komplette Restaurierung der Kirche als »schönen« Ort an, in dem man alle Unbill vergessen kann. Da das Geld dafür aber nicht reichte, mussten sie sich, genau wie wir, mit einer provisori- schen Lösung zufrieden geben. Dabei war es ihr Wunsch, die Zeugnisse der ungeliebten Vergangen- heit wenn schon nicht zu entfernen, dann wenigstens zu »verschönern« oder zu verbergen. Oder zumindest Breschen in sie zu schlagen. Unsere Vorstellung war, dass auch das, was der Kirche in jüngerer Vergangenheit zugefügt worden war, im Provisorium seinen Platz finden dürfe. Die Architekten der Petrikirche waren Brüllow und Mes- macher. Wir verstanden uns als Sachwalter dessen, was von beiden auf die heutige Zeit überkommen war. Die alten Gewölbe, Pfeiler undWände ließen wir, ein- vernehmlich mit den russischen Kollegen, restaurie- ren. Historisierende Elemente zum Verschönern der späteren Zufügungen hatten wir aber nicht im Sinn, Als Schwimmhalle
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