Leseprobe
72 Der Boden im Saal ist neu, er liegt 4 Meter höher als früher. Unter ihm befindet sich noch die Stahlbeton- wanne des Schwimmbeckens. Der jetzige Boden ist ein Provisorium im Provisorium, dem Raum soll spä- ter einmal, wenn das Becken ausgebaut und mehr Geld für die Restaurierung verfügbar ist, seine alte Höhe zurückgegeben werden – aber Provisorien haben ja oft ein langes Leben. Das heißt, wir mussten uns auf beides einstellen, auf das Provisorische und das lange Leben. So haben wir für den Saal einen einfachen, strapazierfähigen Keramikfußboden ge- wählt, statt eines kostbaren Natursteinbodens. Wir haben auch keine komfortablen Stühle gekauft, son- dern einfache Holzbänke bauen lassen. Und statt teure Kronleuchter aufzuhängen, ließen wir zehn preiswerte Bauleuchten montieren, die zu den Ge- wölben hochstrahlen und den Raum mit indirektem Licht gut ausleuchten. Die Arbeit für die Ingenieure im Planungsteam war von vornherein mehr und stärker auf das Entwurf- liche ausgerichtet als sonst bei Instandsetzungen und Restaurierungen. Die statisch-konstruktiven Ele- mente – die provisorische Abdeckung des Schwimm- beckens, die umlaufenden Podeste, die Tribünen, die Betonbrüstungen – waren gleichzeitig als Teile einer Architektur zu behandeln, welche aus dem Kon- glomerat dreier Epochen einen neuen Raum entste- hen lassen sollte. Wir alle, Architekten und Ingeni- eure, hatten auf Verträglichkeit und Bescheidenheit unserer Entscheidungen zu achten. Gekostet hat das Ganze einschließlich aller Nebenaufwendungen we- niger als 2 Millionen Mark. Mehr Geld stand nicht zur Verfügung. Die Einbauten der Schwimmbadzeit zu belas- sen, ihren Ausdruck zu mildern, Vergangenes schritt- weise zu akzeptieren, statt es zu verstecken oder gar mit neuer Semantik zu übertrumpfen, darüber hat es viel Diskussion und hartes Streitgespräch gegeben. Die Auseinandersetzungen waren nicht einfach. Fachliches und Persönliches spielten eine Rolle, rus- sische und deutsche Vergangenheit, Emotion und Ratio, ungleiche Erfahrungen, Kenntnisse und Fähig- keiten, unterschiedliche Charaktere. Schritt für Schritt haben wir schließlich zur Einigung gefunden. Wieder als Kirche
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