Leseprobe

10 / nicht übermäßig unfreundliche, inhaltlich aber deutlich strukturierte Kontroverse mit diesem ergab. 17 Als Chodowiecki 1780 in den »Miscellaneen« eine kurze Autobiographie veröffent- lichte, die vor allem biographisch konzipiert war, die Darstellung seines Werkes hingegen nur am Rande berücksichtigte, nahm Timme dies zum Anlass, einen anderen Typ von Künstlerbio- graphie anzumahnen, in dem Leben und Werk gleichermaßen Beachtung finden sollten. Er untersetzte seine Vorstellung von der Gattung »Künstlerbiographie«, indem er am Beispiel Böhlers eine solche vorlegte. Es bot sich für Timme an, auf Böhler zurückzugreifen, da er diesen ohnehin im Blick hatte. Aufgrund der gemeinsamen Herkunft aus Arnstadt muss er schon vor dem Entschluss, über Böhler zu publizieren, mit dessen Leben und Werk bis zu einem gewissen Grade vertraut gewesen sein. In Böhlers persönlicher und künstlerischer Entwicklung fand er die Substanz und Dramatik, die er für die von ihm beabsichtigte modell- hafte Darstellung benötigte. Zudem rechtfertigte es Böhlers künstlerische Bedeutung, ihn beispielhaft aufzugreifen, war Böhler doch in den thüringischen Residenzen und – zumindest im Alter – auch darüber hinaus durchaus bekannt. Da Böhler noch keine nennenswerte pub- lizistische Würdigung erfahren hatte, konnte Timme das Thema unvorbelastet angehen. Timmes Text, Grundstock der Überlieferung zu Böhler, verdankt seine publizistische Fassung also der Verwendbarkeit Böhlers im Rahmen einer kunsttheoretischen Kontroverse. Die Feststellung, dass dieser Text von Timme »in bedenkliche Nähe zur Hagiographie« 18 ge- rate, wird Timmes Ansatz trotz dessen spürbaren Bemühens um eine positive Würdigung Böhlers nicht gerecht. Deutlich erkennbar ist aber seine Sympathie für Böhler und sein Inte- resse am »Fallbeispiel Böhler«, das ihm zur Vermittlung einer modellhaften Künstlerbiogra- phie dienen konnte. Beeindruckt war Timme zudem vom akademiefernen Ansatz der künst- lerischen Entwicklung Böhlers. Neben dem bekannten – wenn im Detail auch unkommentiert gebliebenen – Text Timmes über Böhler wird hier eine bisher unbekannte, aber nicht weniger wichtige Quelle in die Lite- ratur eingeführt. Dieses handschriftlich überlieferte Material mit dem Titel »Bruchstücke aus Boehlers Leben« 19 liegt als Manuskript aus dem späten 18. oder – was wahrscheinlicher ist – dem frühen 19. Jahrhundert vor. Dieses Material besteht aus zwei Teilen, die sich nicht in der Handschrift, aber inhalt- lich voneinander abheben. An einen umfangreicheren biographischen Text zu Böhler schließt sich die Abschrift eines Briefes an, den der Arnstädter Arzt Dr. Heinrich Christian Brodkorb (1750–1826) 20 an den Arnstädter Hofrat Johann Christian von Hellbach (1757–1828) 21 schrieb. Letzterer sammelte Informationen über schwarzburgische Gelehrte und Künstler. Im Son- dershäuser Schlossmuseum befindet sich ein anderes Exemplar dieses Briefes, bei dem es sich um eine weitere Abschrift handelt, unter der allerdings die anderweitig nachgewiesene Unterschrift von Brodkorb steht. 22 Heinrich Christian Brodkorb, ein Sohn des Arnstädter Bürgermeisters Johann Christian Brodkorb (1717–1767), hatte das Vertrauen des im Alter sehr zurückgezogen lebenden Künstlers genossen. Hellbach hatte Brodkorb in der Hoffnung kontaktiert, von ihm Auskunft über Böhlers Leben und Werk zu erhalten. Brodkorb ging auf seine Bitte ein: »Ew. Hochwohlgeboren über- sende ich die gütigst verlangte Nachricht vom Bildhauer Böhler.« 23 Er verwies auf Probleme, auf die jeder gestoßen war, der versucht hatte, sich Böhler zu nähern, da sich dieser gegenüber jedem, der »etwas von ihm [über ihn] zu erfahren« gedachte, äußerst »verschlossen« und »unzugänglich« 24 verhalten hatte. Über Timmes Bemühungen um Böhler schrieb Brodkorb an Hellbach, dass sich »von Erfurt aus … der Mahler und Poet Timm (steht so im hiesigen Thor- zettel)« 25 an ihn gewandt habe, als er »einen kleinen Beytrag in damaliger Ausgabe der artisti­ schen Miscellaneen von Meuseln« 26 veröffentlichen wollte. Für diesen Beitrag habe er Timme »die Materialien geliefert«. 27 Abb. 1 Ernst Christian Specht Johann Friedrich Böhler Rötelzeichnung, 1782 (Schlossmuseum Arnstadt P 74)

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