Leseprobe
30 / Personal auf. Von Februar 1740 bis zu Günthers Tod im November dieses Jahres hatte er eine bescheidene, aber feste Anstellung bei Hofe. Unabhängig der in den Kammerrechnungen von 1739/40 und 1740/41 verzeichneten Beträge 162 dürfte Böhler seit seiner »Entdeckung« durch den Fürsten diverse Zahlungen aus dessen Privatschatulle erhalten haben. 163 Zu welcher der fürstlichen Bibliotheksbestände Böhler Zugang hatte, ist nicht nach- vollziehbar. Die Privatbibliothek von Günther I. befand sich im Sondershäuser Schloss in einem Raum im dritten Obergeschoss des Alten Nordflügels. 164 Gesondert von dieser existierte im Schloss die Privatbibliothek von Christian Wilhelm, Günthers 1721 verstorbenem Vater, und im Arnstädter Schloss Neideck die Privatbibliothek von Günthers 1716 verstorbenem Onkel Anton Günther II., die ebenfalls an Günther gefallen war. Günthers Privatbibliothek ist anhand eines Katalogs nachvollziehbar, der mehr als 1000 Positionen umfasst. Unter den Künsten war in dieser Bibliothek vor allem die Architektur vertreten. Zu den Besonderheiten dieser Biblio- thek gehörte ein Bestand an Judaica, in dem sich das Interesse des Fürsten an der hebräischen Sprache und am Judentum dokumentierte. Außer den hier genannten Bibliotheken muss es, wie an einem fürstlichen Hof bzw. in einer Residenz üblich, in diversen Behörden Buchbestände gegeben haben. Als der Fürst in Sondershausen als erste Arbeit von Böhler einen geschnitzten Stock- knopf verlangte, brachte er Böhler in Verlegenheit, da sich dessen Werkzeug noch in Arnstadt befand. Da Törnberg ihm die Benutzung seines Werkzeugs verweigerte, vertrieb sich Böhler die Zeit mit Zeichnen. Er entdeckte »vier große Zeichnungen, Jagdstücke von Joh. Heinrich Roos … Ganz entzückt von der Schönheit dieser Stücke und von der Manier des großen Meis- ters«, 165 bat er darum, diese Blätter kopieren zu dürfen. »Er studierte sie Tag und Nacht, und wurde nicht müde, sie vielmal, und auf verschiedene Weise nachzuzeichnen. Diese Stücke waren es, die seine ohnehin schon vorzügliche Neigung zu Thier- und Jagdstücken noch mehr bestärkten, und seinen Kunsteifer auf dieses einzige Fach einschränkten und versetzten.« 166 Trotz der eindeutigen Mitteilung von Timme bleibt zu überlegen, ob sich Böhler in diesem Fall tatsächlich für Johann Heinrich Roos (1631–1685), 167 den Tiermaler der deutschen Kunst des 17. Jahrhunderts schlechthin, oder dessen Sohn Johann Mechior Roos (1663–1731), 168 be- geisterte. Gewiss hätte Böhler an subtilen Tierzeichnungen wie denen von Johann Heinrich Roos Gefallen gefunden. Die Motive dieser Zeichnungen beziehen sich jedoch auf die domes- tizierte Tierwelt des Hirten- und Bauernmilieus, zeigen das Tier oder die Tiergruppe zumeist in ruhigen Stellungen, wurden zudem oft in eine antikisierende Szenerie gesetzt. Viel näher stand Böhler seiner künstlerischen Eigenart nach Johann Mechior Roos, der sich wie er den Tieren des Waldes widmete und auch deren Interaktion darstellte, wobei mitunter Gruppen sich jagender und kämpfender Tiere entstanden. Auch in der Arnstädter Gemäldesammlung des Fürsten Günther konnte Böhler Bilder eines Roos sehen: Hier befanden sich »Fünf Vieh Stück von Rosens« von Philipp Peter Roos (»Rosa da Tivoli«, 1657–1706), einemweiteren Sohn von Johann Heinrich und Bruder von Johann Melchior Roos. 169 Nach welchen Blättern welches Roos Böhler auch zeichnete, es dürfte sich bei seinen Vorlagen wohl kaum um Zeichnungen, sondern um Kupferstiche gehandelt haben. Als auch Törnberg diese Blätter abzuzeichnen wünschte, verweigerte ihm Böhler dies in Revanche für das ihm vorenthaltene Werkzeug. Schließlich einigten sich beide darauf, dass Törnberg diese Zeichnungen kopieren und Böhler im Gegenzug Törnbergs Werkzeug benutzen durfte: »Durch diese wechselseitige Gefälligkeit wurden denn die beiden Antagonisten derma- sen mit einander ausgesöhnt, daß sie von nun an sich mit einander vertrugen, und bis zu ihrer Trennung brüderlich zusammen lebten« 170 Als sich Böhler nach dem Tod des Fürsten Günther Anfang der 1740er-Jahre in seiner Heimatstadt Arnstadt niederließ, ging auch Törnberg nach Arnstadt. Hier dürften beide noch bis zu Törnbergs Tod, d. h. 15 Jahre lang, in Kontakt gestanden haben.
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