Leseprobe
Böhler am Dresdner Hof? / 31 Böhler amDresdner Hof? Fürst Günther, dem Böhlers Vorliebe für Jagdstücke nicht entgangen war, ließ ihn nun »eine große Partie solcher Jagdstücke verfertigen, die denn auch so gut ausfielen, daß sein Herr nicht nur für sich ein groses Vergnügen darüber bezeigte, sondern auch mit lautem Beyfall sie allen den Fremden wies, von denen sein Hof nie leer wurde. Von dieser Zeit liebte er seinen Poehler so sehr, daß er immer um ihn sein, und ihn überall hin begleiten mußte.« 171 Aber auch bei Besuchen an anderen Höfen zog Günther I. durch die Präsentation von Arbeiten Böhlers Bewunderung auf sich. Zwei Anekdoten, die man bei dem sachlich berichtenden Timme bezeichnenderweise nicht findet, die aber in den »Bruchstücke[n]« vorkommen, versetzen Werke Böhlers und in einem Fall auch ihn selbst im Gefolge des Fürsten Günther I. an den Dresdner Hof. Dass Günther in Dresden und am Dresdner Hof des Öfteren präsent war, ist nachweisbar. Letztlich war Dres- den in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für Sondershausen der »Leithof« schlechthin. Günthers Vater Christian Wilhelm (1647–1721) hatte 1719 die langjährigen politischen Ver- werfungen zwischen Schwarzburg-Sondershausen und Kursachsen, die infolge der Erhebung der Schwarzburger in den Reichsfürstenstand ausgefochten wurden, vertraglich beigelegt. Sehr wahrscheinlich war Günther, der als Erbprinz und ab 1720 als Mitregent dem altersschwachen Fürsten beistand, am Zustandekommen dieses Vertrages beteiligt. Von Kurfürst Friedrich August I., als König von Polen August II. und im Volksmund »August der Starke«, wurde er zum Ritter des Polnischen Weißen Adlerordens ernannt und nahm als solcher 1730 am Zeithainer Lager teil. 172 In Würdigung seines Kunstverständnisses hatte »August der Starke« angeordnet, ihm »als einen hocherfahrenen Kenner, insonderheit der Juwelen und anderer Seltenheiten« in Dresden »alle Kostbarkeiten« zu zeigen. 173 Günther bezog aus Dresden Kunstwerke und Aus- stattungsstücke, u. a. Meißner Porzellan und vermutlich auch Tapeten. 174 Wie sehr man in Dres- den Günthers Sammlungen zu schätzen wusste, zeigte sich auch nach seinem Tode, als Kur- fürst Friedrich August II. (als König von Polen August III.) die wertvolle Gewehrsammlung Gün- thers erwarb, die so in die »Gewehrgalerie« der Dresdner Rüstkammer einging. 175 Die erste dieser Anekdoten sieht Böhler an der Seite seines Fürsten in Gesellschaft von »August dem Starken« auf dem »grosen Pruncklager bei Mühlberg«, 176 also dem Zeithainer Lager von 1730. Fürst Günther »trug auf der grosen Jagd, die nach dem Lager statt fand, ein grünes Jagdkleid, und an der Seite einen Hirschfänger, deßen Griff von Hirschhorn mit halb erhabenen Figuren, eine Hirschjagd vorstellend, von Böhler verfertigt war. König August, einer der ersten Kenner jeder schönen Kunst der damahligen Zeit – äuserte sein Wohlgefallen über diesen Hirschfänger. Fürst Günther zog ihm aus dem Kuppel und überreicht ihn dem König. August steckte ihn sogleich an die Seite und übergab Günther den Seinigen davor, dessen Griff stark mit Brillanten besetzt war.« 177 Der örtliche, zeitliche und personelle Rahmen dieser Anekdote ist falsch gesetzt, da Böhler 1730 erst 17 Jahre alt war, in diesem Jahr als Hand- werksbursche auf Wanderschaft ging, frühestens 1733/34 in die Leibkompanie des Sonders- häuser Fürsten eingetreten sein kann und mit Günther persönlich wohl erst 1738 in Kontakt kam. Die geschilderte Szene müsste sich also, da sie kaum frei erfunden sein wird, nicht auf »August den Starken« und das Zeithainer Lager, sondern auf Kurfürst Friedrich August II. und ein anderes Ereignis am sächsischen Hof bezogen haben.
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