Leseprobe
32 / Wie die zweite Anekdote erzählt, trug Günthers Gemahlin Elisabeth Albertine bei einem »Lust- Campement zu Dresden« einen von Böhler gefertigten Schmuck »von lauter Hirschzähnen, auf jeden ein kleiner Hirsch erhaben geschnitten …, zwischen jeden hatte der Fürst zwei Dia- manten faßen laßen; sämtliche Herrschaften bewunderten eine dergleichen noch nie gesehe- ne Kostbarkeit, schätzten den Wert sehr hoch; Ja, sagte der Fürst, sie haben Recht, es ist auch in England gefertigt worden.« 178 Böhler, »der über der Tafel hinter dem Stuhl des Fürsten stand«, 179 lachte. Dass hier England als vermutliches Ursprungsland eines besonders kost- baren Objekts genannt wird, entspricht der in der Mode dieser Zeit erkennbaren Vorliebe für englische Produkte. Diese ist auch beim Fürsten Günther, der als Erbprinz England bereist hatte, nachweisbar. Zur Erstausstattung des Fürstlichen Palais in Arnstadt aus den 1730er- Jahren gehörten Ledertapeten, Spiegel, Stühle, Uhren und »Porzellane« aus England. 180 Timme dürften diese Anekdoten nicht bekannt gewesen sein, da er angesichts ihrer Bedeu tung für die Bewertung von Böhlers Werken kaum auf ihre Publizierung verzichtet hätte. Offen- bar verfügte der Autor oder Redakteur der »Bruchstücke« über noch wenigstens eine andere Quelle als Timme. Ob dieser Autor die fehlerhaften Bezüge auf Personen, Ereignisse und Datierun gen aus dieser Quelle übernahm oder bei seiner Interpretation einbrachte, ist nicht feststellbar. Böhler in Pyrmont Timme berichtet von einer Reise nach Pyrmont, auf der sich Böhler in Günthers Gefolge auf- hielt. Pyrmont erfreute sich beim Hochadel als Kurort besonderer Beliebtheit. Timme zufolge fand diese Reise unmittelbar nach der zeitweiligen Lehre Böhlers bei Törnberg – »Kurz darauf …« 181 , also nach 1738 – statt. Tatsächlich ist 1739 eine Reise Günthers nach Pyrmont nachweis- bar. Am 30. August 1739 wurden 730 Gulden und 13 Groschen »zur Reise Durchl. Herrschafft nach Pyrmont« abgerechnet, dazu 334 Gulden, 14 Groschen und 3 Pfennige »an Fracht, Fuhr- lohn, Zehrung vor die Herrschafftl. Bedienten und andere Ausgaben bey dieser Reise«. 182 Zu diesem Personal muss Böhler gehört haben. Fürst Günther war vermutlich schon 1723 nach Pyrmont gereist, wo er auch dem König George I. von Großbritannien begegnet sein dürfte. 183 Aufgrund gesundheitlicher Probleme, die ihn seit 1727 verstärkt heimsuchten, begab er sich von nun an des Öfteren nach Pyrmont. 184 Wie aus dem Katalog seiner Bibliothek ersichtlich ist, besaß er mehrere Publikationen des Arztes Johann Philipp Seipp (1686–1757), der sich in Pyrmont der illustren Kurgäste annahm. 185 Da er Ende 1738 und Anfang 1739 Schlaganfälle erlitten hatte, sollte die o. g. Reise nach Pyr- mont seiner Gesundung dienen. Sehr wahrscheinlich war es die letzte größere Reise, die er außerhalb seines Fürstentums unternahm. In Bezug auf Böhler wünschte der Fürst, diesen in Pyrmont »das Stalschneiden kennen lernen zu lasen, welches er auch zu großer Zufriedenheit seines Herrn, in sehr kurzer Zeit begrif«. 186 In Pyrmont machte Böhler »verschiedene wichti- ge Bekanntschaften, von denen einige sich viel Mühe um ihn gaben, und unter grosen Ver- sprechungen ihn zu bereden suchten, daß er die Dienste des Fürsten verlassen, und mit ihnen gehen mögte. Unter anderem wurden ihm Anträge gethan, unter sehr vortheilhaften Bedin- gungen nach England zu gehen: allein aus Dankbarkeit und Liebe zu seinem Herrn, von dem er so viel Gnade genos, schlug er alle Anträge, sie mogten so lokend sein, als wie wollten, standhaft aus, und kehrte mit ihm wieder nach Sondershausen zurück.« 187
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