Leseprobe

96 / Neue Arbeitsfelder als Holz- und Steinbildhauer Böhler wird auch in der künftigen kunstgeschichtlichen Betrachtung vor allem der Bildschnit- zer bleiben, der Kleinkunstwerke fertigte. Dieses Bild von ihm ist seit dem späten 18. Jahr- hundert vorgeprägt. Doch ist bei der Würdigung seines Werkes zu berücksichtigen, dass er spätestens seit den 1760er-Jahren – und vereinzelt schon früher – auch als Holz- und Stein- bildhauer gearbeitet hat. Dabei mag hilfreich gewesen sein, dass die Aversionen, die ihm die gelernten Bildhauer Anfang der 1740er-Jahre aus Konkurrenzgründen noch entgegengebracht hatten, mit der Zeit an Bedeutung verloren haben dürften. Zudem scheint nach Törnbergs Tod im Jahre 1755 in Arnstadt in Bezug auf Bildhauerei eine Vakanz eingetreten zu sein. Böhler nahm die sich nun für ihn ergebenden neuen Arbeitsfelder – Grabmäler, Epitaphien und Aus- stattungsstücke für Kirchen – problemlos an und erwies sich auch auf diesem Gebiet als ge- fragter Künstler. Figurengruppe für einen Taufdeckel (1749/50) in der Arnstädter Liebfrauenkirche Ein vergleichsweise frühes Werk, mit dem Böhler die Richtung auf eines dieser neuen Arbeits- felder hin einschlug, war eine in Holz gefertigte Figurengruppe »Die Taufe Jesu«, die 1749/50 für die herrschaftliche Kapelle der Arnstädter Liebfrauenkirche als Aufsatz für einen älteren Taufdeckel entstand (Abb. 63). 327 Die drei ca. 70 Zentimeter hohen Figuren dieser Gruppe sind deutlich größer als die bis dahin von Böhler gefertigten Kleinkunstwerke, erreichen aber nicht die Dimension gängiger Bildhauerarbeiten. Diese Sonderstellung der Gruppe zwischen den geläufigen Gattungen und eine vorauszusetzende Beauftragung durch Angehörige der fürst- lichen Familie dürfte eventuelle Bedenken der Konkurrenz gegen die Übertragung von Bild- hauerarbeiten an Böhler gegenstandlos gemacht haben. Die Gruppe gilt nach älteren Quellen als Werk von Böhler, kann aber auch aus stilistischen Gründen mit Sicherheit für ihn und sein Werk in Anspruch genommen werden. 328 Dargestellt sind Johannes der Täufer, der vor diesem als Täufling kniende Jesus und ein bei der Taufe assistierender Engel. Johannes umfasst mit der Linken einen inmitten der Gruppe angeord- neten hohen Stab, auf dem sich der Heilige Geist in Gestalt einer Taube mit weit ausgebreite- ten Flügeln niedergelassen hat. Mit der erhobenen Rechten vollzieht Johannes die Taufhand- lung. Sein Blick ist auf die Taube gerichtet, während Jesus, die Arme ergeben vor der Brust gekreuzt, nach unten blickt. Die Grundfläche, auf der die Gruppe montiert ist, charakterisiert die landschaftliche Einbindung des Geschehens: Jesus kniet im Jordan. Die Windung des Flusses bildet eine Insel, auf der der Engel steht. Die Körper von Johannes und Jesus sind überlängt angelegt, muskulös und sehnig durchgebildet, die Gliedmaßen expressiv überzogen. Diese manieristische Komponente, die am auffälligsten an der Jesus-Figur durch deren unverhältnismäßig breite und massive Brust und die zugespitzten Knie in Erscheinung tritt, überrascht und macht die Figuren des Johan- nes und des Jesus interessant. Dagegen wirkt der etwas kleiner gehaltene Engel, in ideal- typischer Ausgewogenheit und Sanftheit konzipiert, fast ausdruckslos. Die simplen, wie aus- gesägt wirkenden Flügel des Engels sind der Figur so angesetzt, dass sie wie eine Ergänzung aus zweiter Hand erscheinen. Die Bedeutung der jeweiligen Figuren in dieser Szene kommt auch in ihrer Bekleidung zum Ausdruck: Johannes der Täufer wird im Fell, Jesus im Lendentuch, der Engel in einem langen Gewand wiedergegeben. Zudem hält der Engel das abgelegte Gewand Jesu (oder ein

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