Leseprobe

8 / Koordinaten eines Künstlerlebens Unter den zahlreichen Künstlern, die im 18. Jahrhundert in Thüringen wirkten, fällt der Bild- schnitzer, Bildhauer und Zeichner Johann Friedrich Böhler als außergewöhnlich charakteristi­ sche Persönlichkeit auf, was sowohl sein Leben als auch die Spezifika seines Werkes betrifft. Böhlers äußere Entwicklung verlief im Spannungsfeld von Handwerk und Künstlertum, höfi- schemMilieu und bescheidener bürgerlicher Existenz. Obwohl er zeitweise amHof des Fürsten Günther I. von Schwarzburg-Sondershausen wirkte und auch an den Höfen von Sachsen-Gotha und Sachsen-Weimar geschätzt wurde, war er doch kein typischer Hofkünstler. Der Status einer dauerhaften Bestallung bei Hofe wurde ihm nicht zuteil, war von ihm anscheinend auch nicht gewollt, da die damit verbundenen Pflichten und Abhängigkeiten im Widerspruch zu seiner Mentalität gestanden hätten. Stark ausgeprägt war bei ihm ein unbändiger Stolz auf seine Naturbegabung, der hartnäckig zu folgen er den Mut gehabt hatte, und die ideelle Un- abhängigkeit des Autodidakten, der in einem schwierigen Werdegang trotz gelegentlicher Glücksumstände und Rückschläge letztlich alles sich selbst verdankte. Sein persönliches Pro- fil erweist sich als das eines ebenso genialen wie eigenwilligen Einzelgängers, der – vor allem im Alter – zurückgezogen lebte und als Außenseiter empfunden wurde. Ein besonderer Reiz der Rezeption des Materials zu Böhlers Leben und Werk liegt darin, dass die zu ihm überlie- ferten Informationen trotz mangelhafter Quellenlage und mancherlei Ungereimtheiten einen unmittelbaren Zugang zu ihm und dem Milieu, in dem er sich bewegte, vermitteln. Das überlieferte Werk Böhlers ist – trotz einiger ihm gewidmeter kleiner Beiträge in der regionalhistorischen Literatur und der gelegentlichen Abbildung einzelner Werke – nur weni- gen Fachleuten bekannt. Es besteht nach derzeitigem Kenntnisstand aus etwas mehr als 70 kleinplastischen Arbeiten aus Holz und Ton, einem Skizzenbuch mit 30 kleinformatigen Zeich- nungen, einigen (teils erhaltenen, teils archivalisch fassbaren) Grabmälern bzw. Epitaphien sowie zwei (nur archivalisch zu belegenden) Orgelprospekten und sonstigen Objekten zu Kir- chenausstattungen. Dieser Bestand ist im Vergleich zur Quantität des Werkes, das Böhler geschaffen haben muss, geringfügig, ermöglicht aber schlaglichtartige Einblicke in die Spezi- fik und Qualität seiner Arbeit. Für eine breitere Öffentlichkeit liegt auf Böhlers Werk noch die Faszination des Unentdeckten. Als Bildschnitzer und als Zeichner steht Böhler in der Tradition der Tier-, insbesondere Jagdmaler und -zeichner des 17. und 18. Jahrhunderts und der diesbezüglichen Kupferstiche und Kupferstichwerke, wobei vor allem auf die Gemälde der Künstlerfamilie Roos und das Werk des Kupferstechers Johann Elias Ridinger zu verweisen ist. Sorgfältige Naturbeobachtung war für ihn eine Grundvoraussetzung seines Schaffens. Neben den der Natur abgelauschten Motiven beherrschte er meisterhaft das dekorative Repertoire seiner Epoche, die Ornamentik des Rokoko. Zudem schuf er filigrane Miniaturkunstwerke, wie sie sich in den Kunstkammern des 18. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreuten. Böhler war Thüringer und kann als »Landeskind« – dem jeweiligen örtlichen bzw. bio- graphischen Bezug folgend – Schwarzburg-Sondershausen 1 ebenso wie Sachsen-Gotha 2 zu- geordnet werden. Die wichtigsten Schauplätze seines Lebens waren im Fürstentum Schwarz- burg-Sondershausen Arnstadt, 3 die Residenz der zentralthüringischen »Oberherrschaft«, und das nordöstlich bei dieser gelegene Dorf Rudisleben, 4 sowie Sondershausen, die Residenz der nordthüringischen »Unterherrschaft«. 5 Im Herzogtum Sachsen-Gotha war für Böhlers

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