Leseprobe

88 Mathis Nitzsche Leipzigs Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges Die sogenannten Kriegerehrenmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, die in den 1920er- und 1930er-Jahren flä- chendeckend im Deutschen Reich errichtet wurden, sollen die Erinnerung an die toten Soldaten wachhalten. Diese Denkmal- gruppe wird im Weiteren anhand von Beispielen aus Leipzig vorgestellt. Bevor diese näher betrachtet werden, wird als Aus- gangspunkt in aller Kürze auf das Kriegerehrenmal als Denk- malkategorie eingegangen. Seit ihrer Entstehung sind Weltkriegsdenkmäler umstritten: für die einen stellen sie militaristisches Gedankengut zur Schau, für die anderen erinnern sie imWesentlichen an die Opfer eines Krieges. Unbeantwortet bleibt die Frage, ob Gefallenendenk- mäler den Krieg heroisieren. Sie bleiben in ihrer Aussage wi- dersprüchlich, denn sie erinnern nicht nur an die Opfer, son- dern zugleich an die Täter eines Krieges. Beeinflusst wird das Gedenken an die Toten von den Umständen, unter denen sich ein militärischer Kampf entwickelte. Der Erste Weltkrieg wur- de von den Mittelmächten als eine militärische Auseinander- setzung um Gebietsgewinne geführt, endete aber in einer Niederlage mit dem Zusammenbruch der Monarchie und erheblichen Gebietsverlusten. Dass mit der Errichtung der zahlreichen Gefallenendenkmäler im Deutschen Reich Revan- chegedanken eine Rolle spielten, ist anzunehmen. Die Kriegerdenkmäler wurden nach 1918 besonders von monarchistischen, christlich-konservativen, nationalliberalen oder rechtsextremen Gruppen aufgestellt. Selten sind diese Denkmäler von pazifistischen, linksliberalen, sozialdemokrati- schen oder christlich-sozialen Personen initiiert worden. Insbe- sondere die Arbeiterbewegung und bürgerlich-pazifistische Kräfte äußerten sich kritisch zum Denkmalkult um die toten Soldaten. Ein Ausspruch lautete: »Der Krieg ist eine Pest und seine Bazillen heißen Soldaten«. 1 Diese Ablehnung rührte viel- fach daher, dass den Denkmalinitiatoren nationalistische, re- publikfeindliche, antiliberale und antisozialistische Gesinnung unterstellt wurde. Doch auch konservative und nationale Grup- pen lehnten bestimmte Gedenkstätten ab, wenn ihnen diese zu unpatriotisch erschienen. In der Weimarer Republik wurden Gefallenendenkmale aus unterschiedlichen Gründen in ihrer Ausführung verhindert und es kam – aus verschiedenen politi- schen Lagern – sogar zu Anschlägen auf errichtete Denkmäler. Für den Leipziger Ortsteil Wiederitzsch ist der Fall verbürgt, dass eine linke Mehrheit im Gemeinderat verhinderte, dass das Denkmalkomitee ein Ehrenmal auf einem öffentlichen Platz errichten lassen konnte, sodass es dann auf dem Kirchhof auf- gestellt wurde. 2 Ende der 1920er-Jahre hatten rechtsstehende Verbände erfolgreich die Ausführung eines Kriegerdenkmals in Malchin/Mecklenburg verhindert, da ihnen die Entwürfe des Künstlers Ernst Barlach zu unheroisch erschienen. Barlach schätzte selbst ein, dass ihm »für sporenklirrende und waffen- starrende Trutzdarstellungen« das »rechte Monarchenherz« fehle. 3 1928 berichtete Barlach seinem Bruder in einem Brief: »Schlimmer ist die Hetze gegen mich von Seiten der vaterlän- dischen Vereine, speziell Stahlhelm. Meine Entwürfe für ein Ehrenmal in Malchin sind dadurch zu Fall gebracht, daß man mich als Juden denunzierte, als auch, daß man behauptet, ich hätte das kommunistische Volksbegehren gegen den Panzer- kreuzer unterschrieben.« 4 In dieser politisch aufgeheizten Stimmung während des Nationalsozialismus kam es in Deutschland zu Denkmalstürzen von Kriegerehrenmalen. Die von Ernst Barlach geschaffenen Denkmale in Kiel, Güstrow, Magdeburg und Hamburg wurden nach 1933 allesamt zerstört oder magaziniert. Das Ehrenmal »Den Opfern des Krieges« in Frankfurt am Main wurde besei- tigt, weil es die nationalsozialistischen Machthaber als pazifis- tisch einstuften und den entwerfenden Künstler Benno Elkan als »Nichtarier« verfolgten. (Sein Kriegerdenkmal auf dem Friedhof von Cunewalde in der sächsischen Lausitz blieb aller- dings unangetastet). Vor allem die von linken Gruppierungen eingeweihten Gedenktafeln, beispielsweise der Arbeiter-Turn- vereine, wurden entfernt. 5 Im Laufe des Zweiten Weltkrieges kam es dann zur weite- ren Vernichtung von Kriegerdenkmalen, als im Rahmen der »Metallspende des deutschen Volkes zum Geburtstag des Führers 1940« Bronze-Kunstwerke für Rüstungszwecke einge- schmolzen wurden. Das von Georg Kolbe geschaffene Leip­ ziger Denkmal der im Weltkrieg gefallenen deutschen Buch- händler mit einer schlanken, nackten Jünglingsgestalt ganz ohne kriegerische Attribute, welches der Börsenverein Deutscher Buchhändler 1925 vor seinem Vereinssitz aufstellen ließ, fiel dieser Metallspendenaktion zum Opfer. 6 Und manches Denk- mal wurde in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges ein Opfer der Fliegerangriffe. So ging das Ehrenmal der Taubstum- menanstalt in Leipzig-Thonberg bei der teilweisen Bombardie- rung der Schule verloren. 7 Nach dem Ende des Krieges 1945 beseitigte oder veränder- te man eine ganze Reihe von Gefallenenmalen, was in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR durch die neuen Machthaber aus der Arbeiterbewegung veranlasst wurde. Der Denkmalsturz erfolgte unter antimilitaristischen Gesichtspunkten; vielen der linken Politiker waren die Denk- mäler ein Dorn im Auge. Mit dem Alliierten Kontrollratsbefehl Nr. 30 vom 13. Mai 1946 versuchten die vier Besatzungsmäch- te, den Abbruch von politisch belasteten Denkmälern zu steu- ern. Nach dieser Direktive waren alle nazistischen und milita-

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