Leseprobe
Leipzigs Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges 89 ristischen Erinnerungsmale zu schleifen, Hakenkreuze und andere faschistische Symbole zu entfernen. Nur künstlerisch wertvolle Standbilder sollten geschont oder in ein Museum verbracht werden. Zu beachten war das Totengedenken; Denk- mäler für gefallene Soldaten auf Friedhöfen konnten stehen bleiben. Daher kam es häufig zu Änderungen und weniger zu vollständigen Abbrüchen. Alte Sprüche (»Ihr habt doch ge- siegt«) wurden beseitigt, neue Worte hinzugesetzt, um den Kriegsdenkmalen ihren militärischen Charakter zu nehmen und sie als Mahnmale für den Frieden neu zu interpretieren. So erhielt das Lausener Gefallenendenkmal in Leipzig, das 1926 »Im treuen Gedenken an unsere Helden« im Zentrum des Dorfes errichtet wurde, nach 1945 die zusätzliche Inschrift »Die Toten mahnen: Nie wieder Krieg!« Zu den militärischen Denkmälern wurden Listen angefer- tigt und die abzubrechenden bzw. zu verändernden Objekte festgelegt. 8 Es hing wohl vielfach von den handelnden Personen vor Ort ab, wie genau man den Befehl in den Jahren 1946 / 47 umsetzte. Das in Leipzig aufgestellte und von der sowjetischen Militäradministration abgesegnete »Verzeichnis der 98 stehen bleibenden militaristischen Denkmäler« wurde willkürlich aus- gelegt, denn einige der aufgezählten zu erhaltenden Objekte sind beseitigt worden. 9 Hauptsächlich die auf kommunalen Plätzen und in Parkanlagen stehenden Ehrenmale sowie die Gedenktafeln in Schulen wurden entfernt. Die im kirchlichen Besitz befindlichen Denkmale blieben überwiegend verschont. In Leipzig wurde u. a. das monumentale Erinnerungsmal für das Infanterie-Regiment Nr. 106 auf dem Südfriedhof geschlif- fen. Erst ließ man unmittelbar nach dem Krieg die Reliefplatten mit Soldatendarstellungen des Bildhauers Adolf Lehnert besei- tigen, schließlich kam das Denkmal in den 1970er-Jahren gänz- lich zum Abbruch. Neben kämpferischen Soldatendarstellun- gen gaben wohl die Reichsadler Anlass zu Veränderungen, entweder wurde der Adler entfernt oder das Denkmal gleich ganz abgebrochen, wie dasjenige für Leipzig-Sellerhausen-Stünz auf dem Emmausplatz. Verstärkt in den 1980er-Jahren fanden, beeinflusst von der starken Friedensbewegung in Westdeutschland, neuerliche Ver- änderungen an den Gefallenendenkmälern statt. Es etablierte sich das Anbringen einer zusätzlichen Inschrift: »Den Opfern von Krieg und Gewalt«. Auch in Sachsen fand diese Ergänzung an Kriegerdenkmalen Verbreitung, so 1985 in Fuchshain bei Leipzig, ehe sie nach der Wiedervereinigung 1990 deutschland- weit als zusätzliche Aufschrift an den alten Denkmälern beina- he allgemein üblich wurde. Der Widmung auf dem Krieger gedenkstein des Leipziger Ortsteils Marienbrunn »Unseren gefallenen Einwohnern 1914–1918« wurde in jüngster Zeit ein »Den Opfern des 2. Weltkrieges und aller Gewaltherrschaft« hinzugefügt. Wenn heute patriotische Feiern vor Soldaten-Ehrenmalen abgehalten werden, wie am Volkstrauertag im November, oder friedenspädagogische Arbeit mit diesen Mahnmalen durch Schulklassen stattfindet, dann können solche Aktivitäten den Erhalt der denkmalgeschützten Totenmale unterstützen. Bis in unsere Tage wird um die Weltkriegsdenkmäler gestritten. Es werden Umsetzungen, Abbrüche oder inhaltliche Ergänzungen vorgeschlagen. Sie sind Orte aktueller politischer Auseinander- setzungen. In drastischen Fällen werden Objekte von Linksex- tremen beschädigt und mit antimilitaristischen Losungen be- schmiert (Abb. 1) oder von Rechtsextremen zu Kranzniederle- gungen mit nationalistischen Parolen missbraucht. 10 Es bleibt festzustellen, dass sich zeitbedingt an Kriegerdenkmalen mit- unter Symbole und Losungen finden, die mit unserem heutigen demokratischen Verständnis nicht übereingehen. Unter diesen Umständen können sie nicht in ihrem ursprünglichen Zustand bewahrt bleiben oder zurückversetzt werden, besonders dann nicht, wenn Hakenkreuze ihre Entstehungszeit im Dritten Reich dokumentierten. Ebenso erscheinen uns heute manche nationalistischen Sprüche nicht mehr zeitgemäß, beispielswei- se die bekannten Worte des Dichters Heinrich Lersch aus dem Jahr 1914: »Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!« 11 Daher sollte nicht jede verloren gegangene Inschrift an einem Denkmal oder jeder beseitigte Adler wieder ergänzt werden. Eine Instandhaltung oder Erneuerung der Namensta- feln der Toten hingegen erscheint im Umgang mit diesen Denk- malen angemessen. Die über 50 erhaltenen Leipziger Gefallenendenkmäler ha- ben nur selten kriegsverherrlichende Darstellungen. Umstritten sind dennoch bestimmte figürliche Denkmale, welche die da- malige Vorstellung einer heroischen Kunstauffassung widerspie- geln. Wucht, Ernst, Tiefe, Größe und Monumentalität sollten den national-kämpferischen Geist der Zeit zum Ausdruck brin- gen. Ein solches Denkmal wurde auf dem Platz an der Kirche in Leipzig-Neustadt für die über 700 gefallenen Söhne der Kreuzkirchgemeinde errichtet (Abb. 2) . Der Bildhauer Kurt Günther schuf 1926 einen knienden Soldaten, der sich – nackt, athletisch und mit Stahlhelm bekleidet – eine Hand auf die Abb. 1 Leipzig, Täubchenweg, Straßenbahner-Kriegerdenkmal, besprüht mit politischer Losung in englischer Sprache, 2019.
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