Leseprobe

90 Mathis Nitzsche tödliche Wunde drückt. Mag es uns heute merkwürdig erschei- nen, die ungeschützte Nacktheit der Figur mit einer modernen militärischen Kopfbedeckung kombiniert zu sehen, so fand man zur damaligen Zeit nichts Anstößiges an solcher Darstel- lung, denn der unbekleidete Kämpfer ist nicht untypisch für Kriegerdenkmäler und ablehnende zeitgenössische Stimmen sind kaum zu finden. Einen noch deutlicher werdenden idea- listischen antiken Bezug haben die nackten jungen Männer, wenn sie nicht nur einen Stahlhelm, sondern zusätzlich Schild und Schwert angelegt haben. Ein weiteres figürliches Gefallenendenkmal in Leipzig be- findet sich am Eingang der Peterskirche (Abb. 3). Das vom Bildhauer Max Alfred Brumme 1937 geschaffene Werk zeigt eine Jesusfigur, die einen sterbenden jungen Mann in den Ar- men hält. Der Niedersinkende ist nackt dargestellt, aber mit einem Stahlhelm auf dem Kopf als Soldat zu identifizieren. Eine solche Figurengruppe, die Christus mit einem Krieger zeigt, ist nur selten als Denkmalanlage umgesetzt worden. Die inhaltli- che Verbindung von religiöser Barmherzigkeit mit einer Kriegs- darstellung befremdet heute. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung bildete dieses Bild einen Ansatz für ein Kriegergedächtnis, das die Nationalsozialisten nicht mehr unterstützten. Sie wollten das »Heldengedenken« gänzlich von christlichen Traueraspek- ten befreien, die Darstellung eines toten oder sterbenden Sol- daten galt als zu bemitleidenswert. Üblich wurde im soge- nannten Dritten Reich bei figürlichen Kriegerdenkmalen die Betonung des Militärischen: uniformierte Soldaten, die mit dem Gewehr in der Hand auf Wache stehen oder der kämp- ferisch posierende, Handgranaten werfende Landser. Was man bei skulpturalen Soldatendenkmalen wohl nicht erwartet, sind weibliche Figuren, doch solche lassen sich finden. Sie symbolisieren überwiegend die Trauer der Hinterbliebenen oder sollen die schwesterliche Barmherzigkeit verdeutlichen. Auf demWiederitzscher Kirchhof in Leipzig steht ein Muschel- kalk-Gedenkstein, der im dreieckigen Denkmalsabschluss als Relief eine kniende Frau zeigt, die mit ausgebreiteten Armen den Kopf neigt, was wohl als Trauergeste zu verstehen ist. Bei den meisten Kriegerdenkmälern in der Messestadt han- delt es sich nicht um figürliche Anlagen, sondern um einfache bruchraue Steine in der Art eines Findlings oder um schlichte steinerne Stelen. Die Inschrift auf den Ehrenmalen beinhaltet stets die Jahreszahlen des Krieges 1914 bis 1918 und fast immer Namen von Gefallenen. Ein Symbol, welches regelmäßig hin- zugesetzt wurde, ist das Eiserne Kreuz, die Tapferkeitsmedaille des Heeres. Solche Denkmäler finden sich beispielsweise in den Ortslagen Lützschena, Holzhausen, Hirschfeld, Plaußig und Kleinzschocher. Der Granitblock am Bahnhofsvorplatz in Knautkleeberg trägt ebenfalls das Eiserne Kreuz sowie die Auf- schrift »Unvergessen lebt im Volke, der des Volkes nie vergaß«, Worte des österreichischen Dichters Anastasius Grün. Aufwen- diger ist das Gefallenendenkmal von Baalsdorf gestaltet, eine steinerne Urne mit Tuch und dem dazu passenden Spruch des Dichters Theodor Körner: »Vergiss die treuen Toten nicht und schmücke auch unsere Urne mit dem Eichenkranz!« Häufig wurden bei den Weltkriegsdenkmälern der Stahl- helm als Sinnbild des modernen Krieges und das Schwert als ein künstlerisch-traditionelles Symbol des Kampfes dargestellt. Abb. 3 Leipzig, Schletterstraße, Gefallenendenkmal vor der Peterskirche mit Vandalismusschaden, 2020. Abb. 2 Leipzig, Neustädter Markt, Gefallenendenkmal vor der Kreuzkirche mit Vandalismusschaden, 2019.

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