Leseprobe
Leipzigs Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges 91 Erstaunlicherweise wurde das Schwert öfter als die Handgra- nate oder das Gewehr dem Denkmal hinzugefügt, obwohl doch letztgenannte Kampfmittel der Wirklichkeit des moder- nen Krieges näher waren als die altertümliche Stichwaffe. Auf dem Dorfanger von Leipzig-Hohenheida ist das pyramidal geformte Gefallenendenkmal mit einem steinernen Stahlhelm abgeschlossen und im Ortsteil Wahren steht auf dem Friedhof ein blockhafter Gedenkstein mit einem bronzenen Stahlhelm- Aufsatz. Der Adler als Hoheitszeichen des Deutschen Reiches ist nur gelegentlich Teil von Kriegerdenkmalen. Das aufwendig aus Rochlitzer Porphyrtuff gestaltete Denkmal in Leipzig-Knauthain war einst von einem metallenen Adler bekrönt. Die – kaum noch lesbaren – Inschriften zeigen hier den nationalistischen Zeitgeist: »Sie starben, damit Deutschland lebe« und »Herzvolk Europas, zittere nicht, auf dunkle Nacht folgt Sonnenlicht«. Die letzten Zeilen stammen aus einem Kriegsgedicht, das der evan- gelische Pfarrer Franz Horn aus Halberstadt verfasst hatte. 12 In Göbschelwitz hat sich der von einem Adler bekrönte Denkmals- Findling erhalten. Hier lautet die Inschrift: »Ruhet sanft ihr tapferen Streiter, Ihr habt gekämpft, wir kämpfen weiter.« 13 Mitunter findet sich eine Löwenfigur an den Ehrenmalen, ein aus der Antike stammendes Motiv für Mut und Tapferkeit eines Kämpfers. Das sogenannte Löwendenkmal für die kriegs- gefallenen Universitätsangehörigen – die letzte Arbeit des be- deutenden Tierbildhauers August Gaul – wurde 1924 in der Wandelhalle im Augusteum der Universität eingeweiht. Nach 1945 wurde die Löwenfigur auf dem ehemaligen Sachsenplatz in der Innenstadt aufgestellt, dann in das Rektoratsgebäude überführt. Nunmehr wird sie im neuen Universitätshauptge- bäude präsentiert. Verloren gegangen ist der Unterbau mit den Namenstafeln und der Inschrift »Im Weltkriege starben für Deutschlands Bestand und Ehre 1396 Männer von dieser Uni- versität.« Das Pferd mit soldatischem Reiter kennzeichnet nicht nur die Denkmale für Kavallerie-Regimenter. Die Dorfgemein- schaft in Leipzig-Kleinpösna ließ ihr Erinnerungsmal mit einem Relief schmücken, dass ein Pferd und einen verwundeten Krie- ger darstellt. Die erhaltenen Inschriften und Symbole an den Krieger- denkmalen Leipzigs sind kaum als militaristisch aufzufassen. Diese Einschätzung trifft vielleicht nicht auf die häufiger anzu- treffende Widmung »Unseren Helden« zu. Doch solche pathe- tischen Worte wurden damals als angemessen erachtet. Und auch ein »Fürs Vaterland« und »In Treue« wurde verwendet. Gerade diese Formulierungen, die einer Heroisierung des Krie- ges das Wort reden, führen immer wieder zu Kritik. Doch wenn die Zeitumstände berücksichtigt werden, relativiert sich das Pathos der Sinnsprüche. Beispielsweise fand das mahnende »Für uns!« weite Verbrei- tung. Es ist der Titel eines seinerzeit bekannten Kriegsgedichtes, das unter der ersten Zeile »Fern im Osten gähnt ein Grab« bekannt ist. Die am häufigsten an Denkmalen zitierte Strophe des Gedichtes ist: »Sie gaben ihr Alles, ihr Leben, ihr Blut. Sie gaben es hin mit heiligem Mut. Für uns.« Das Gedicht wurde bei einer Schulfeier für einen in Russland gefallenen Lehrer eines Charlottenburger Gymnasiums vom Obertertianer Rein- hold Samuelsohn verfasst und 1915 in der Zeitschrift »Der Kunstwart« veröffentlicht. 14 Im Leipziger Ortsteil Rehbach wurde ein findlingsartiger Stein mit der genannten Strophe des damals allgemein beachteten Gedichtes »Für uns!« sowie mit dem Relief eines sterbenden Löwen gestaltet. Diese Zeilen un- terstreichen das Totengedenken und beinhalten weniger die Aufforderung, im Namen Deutschlands Rache zu üben und opferbereit zu sein. Erstaunlich wenige christliche Symbole sind an Gefallenen- denkmalen zu finden, wie das Auge Gottes oder das lateinische Kreuz als Symbol des Opfertodes Christi, die doch sonst für das Totengedenken in jener Zeit üblich waren. Auf Krieger- denkmalen jüdischer deutscher Frontsoldaten findet sich immer der Davidstern als Symbol des Volkes Israel. Das Ehrenmal für die Gefallenen auf dem christlichen Friedhof in Leipzig-Leutzsch ist als lateinisches Kreuz gestaltet, das mit einem Kranz mit der – mittlerweile verwitterten – In- schrift »In Treue!« verziert wurde. Ungewöhnlich ist der mitge- gebene Sinnspruch: »Wir trauern, wir danken, wir hoffen!« Das Gedenkmal auf dem Kirchhof im Ortsteil Eutritzsch ist ein monumentales lateinisches Kreuz aus dem für Leipzig typischen roten Porphyrtuff-Gestein. Die Inschrift lautet: »Christus ist der Trost für alles Leid.« Sprüche mit christlichem Bezug (»Gott war mit uns, ihm sei die Ehre!«) wurden nur vereinzelt an Kriegerdenkmalen angebracht, selbst wenn diese auf kirchlichen Friedhöfen auf- gerichtet wurden. Wenn dennoch Bibelworte auftauchen, dann handelt es sich fast immer um Verse aus dem Johannes-Evan- gelium: »Niemand hat größere Liebe, denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde« (Joh. 15, 13) oder aus der Apo- kalypse, der Offenbarung des Johannes: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben« (Offb. 2, 10). In Leipzig-Plaußig z. B. ist das Kriegerdenkmal, ein Granitfind- ling, mit dem biblischen Spruch aus der Offenbarung versehen. Ganz fromm lautet die Inschrift des Gedenksteins auf dem Friedhof in Lößnig: »Herr, dein Wille geschehe.« Und an der Gefallenengedenkstätte der Versöhnungskirche in Leipzig- Gohlis steht der Wunsch: »Lasst euch versöhnen« (Abb. 4) . Dieser ehrende Sinnspruch mit pazifistischem Anklang ist be- merkenswert, kommt ein solcher an Weltkriegsdenkmalen doch kaum vor. Abb. 4 Leipzig, Franz-Mehring-Straße 44, Kriegergedächtnis- stätte an der Versöhnungskirche, 2017.
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