Leseprobe
Vorwort 5 Vorwort Einhergehend mit dem gesellschaftlichen Umbruch nach dem Ersten Weltkrieg wurde 1920 der erste sächsische Landeskon- servator Walter Bachmann (1883–1958) berufen, der auf die bedeutende Denkmalpflegetradition von den sächsischen Alter tumsvereinen seit 1825 bis zu Cornelius Gurlitt (1850–1938) aufbauen konnte. Die oft eingeschränkte Wirksamkeit des Am- tes unter den verschiedenen politischen Bedingungen kompen- sierten Bachmann und seine Nachfolger durch große fachliche Kompetenz und den starken Rückhalt in der Gesellschaft. Be- sonders bemerkenswert ist jedoch die über ein Jahrhundert währende Kontinuität der Amtsinhaber: Die vier Landeskon- servatoren Walter Bachmann (Architekt und Kunsthistoriker), Hans Nadler (Architekt, 1910–2005), Gerhard Glaser (Archi- tekt, geb. 1937) und Rosemarie Pohlack (Architektin, geb. 1953) leiteten die sächsische Denkmalpflege während des Wechsels von vier gesellschaftlichen Systemen. Seit Dezember 2019 ist das LfD nachgeordnete Behörde des Sächsischen Staatsministeriums für Regionalentwicklung. Die erste Pressefahrt des neuen Sächsischen Staatsministers für Regionalentwicklung, Thomas Schmidt, fand im August 2020 in Chemnitz und Umgebung statt zum Thema »Nachnutzung und Umnutzung technischer Denkmale – ein Beitrag zu 500 Jahren Industriekultur in Sachsen«. Die Beiträge des aktuellen Jahrbuches widmen sich Kul- turdenkmalen, die die Zeitspanne vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart und die verschiedenen Denkmalgattungen im gesamten Land Sachsen umfassen. Jüngste denkmalpflegeri- sche Maßnahmen führten zu faszinierenden Entdeckungen wie den Resten mittelalterlichen Marienglases in der Dorfkir- che zu Börtewitz oder zu bedeutenden Erkenntnissen wie dem hohen Wert der gotischen Rankenmalereien am Domherren- haus Freiheit 6 in Meißen als spätgotische Fassadenmalereien. Intensive Bauforschung ermöglichte die Rekonstruktion der ursprünglichen Fassadenfarbigkeit am Zwickauer Gewandhaus und belegt die Bedeutung des Schlingrippengewölbes im dor- tigen Eingangsbereich für die Gewölbeentwicklung in Deutschland. In interdisziplinärer Zusammenarbeit konnten sowohl der europäische Kulturtransfer der Renaissancezeit anhand der Ent- stehungsgeschichte der Skulpturen in der Wettiner Grablege im Freiberger Dom und ihrer Legierungen erforscht als auch die Schadensbilder an der Vergoldung des Mozartbrunnens in Dresden für die notwendige Restaurierung analysiert werden. Die Neuordnung der Skulpturen am Jagdschloss Moritzburg auf der Grundlage intensiver Quellen- und ikonographischer Recherche stellt nach mehr als 200 Jahren wieder eine schlüs- sige Aufstellung her. Erforscht und wiederhergestellt werden konnten Gartenan- lagen ganz verschiedener Kontexte: ein Fabrikantengarten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Plauen sowie Schul- freianlagen vom Ende der 1960er-Jahre in Dresden. Die kul- turhistorische und künstlerisch-formale Untersuchung der Kriegerdenkmale des Ersten Weltkrieges in Leipzig und im Landkreis Nordsachsen trägt zu konzeptionellen Erkenntnissen im Umgang mit diesen nicht unumstrittenen Monumenten bei. Technische Denkmale sind in drei Beiträgen vertreten, die Erörterung ihrer datenbankgestützten Erfassung durch das Refe- rat Inventarisation im Landesamt für Denkmalpflege, die erfolg- reiche Bewerbung der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří als UNESCO-Welterbe und einen „Nachruf“ auf verlorene Dresdner Eisenbahnbrücken betreffend. Gerettet wurde hingegen die be- eindruckende Konstruktion des Chemnitzer Eisenbahnviaduktes durch außergewöhnliches bürgerschaftliches Engagement, das mit der Verleihung des Deutschen Preises für Denkmalschutz 2020 ausgezeichnet wurde. Mit eben solchem Einsatz gelang der Denkmalpflege mit Unterstützung durch Prof. Fritz Wenzel zu Beginn der 1990er-Jahre die Einbindung der über die DDR-Zeit geretteten Ruine des Taschenbergpalais in den Hotelbau, die Prof. Gerhard Glaser im Nachruf auf den herausragenden Statiker le- bendig beschreibt. Weitere verdiente Denkmalpfleger, Bauschaf- fende und langjährige Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmal- pflege werden in Kurzbeiträgen gewürdigt. Zu den Aufgaben des Landesamtes zählt auch die Vermitt- lung denkmalpflegerischer Themen an die interessierte Öffent- lichkeit. Durch die Corona-Pandemie mussten zahlreiche Ver- anstaltungen wie die Jahresausstellung und die Jahrestagungen mit den ehrenamtlich Beauftragten für Denkmalpflege und mit den Denkmalschutzbehörden Sachsens abgesagt werden. Der Tag des offenen Denkmals fand bundesweit überwiegend digi- tal statt. Umso erfreulicher war es, dass es dank des von der Stadt Plauen vorgelegten Hygienekonzeptes möglich war, die sächsische Eröffnungsveranstaltung zumTag des offenen Denk- mals im Industriepavillon Plauen durchzuführen und somit auf die herausragende Bedeutung Plauens für die Industriegeschich- te Sachsens aufmerksam zu machen. Berichte über aktuelle Veranstaltungen und kürzlich erschienene Publikationen wie den dritten Band der umfassenden Residenzschlosstrilogie run- den dieses Jahrbuch inhaltlich ab. Eine erbauliche Lektüre und Aneignung wünscht Ihnen Alf Furkert Sächsischer Landeskonservator
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1