Leseprobe

Marienglas in feinen Sprossen 9 Bei dem seltenen Fensterfund handelt es sich um ein Lan- zettfenster mit einer Höhe von 1,76 m und einer Breite von 0,30 m. Die Fensteröffnung ist mit einer schrägen Laibung tief in das Mauerwerk eingeschnitten; die Breite der Laibung auf der Wandaußenseite beträgt 0,95 m. Das Lanzettfenster war vermutlich in vier leicht hochrecht- eckige Felder und eine Spitze unterteilt. Darauf lassen auch die in den Gewändesteinen sichtbaren Löcher schließen. Es finden sich vier Löcher mit quadratischem Querschnitt für horizonta- le Vierkanteisen in einem Abstand von 36 bis 40 cm und im Bereich der Spitze ein mittiges Loch für ein vertikales Eisen (Abb. 5) . Die Befunde verweisen auf eine Fenstervergitterung, die Schutz vor fremdem Zustieg gewährte, welchen die filigra- nen Marienglasfenster nicht bieten konnten. Die horizontalen Eisen des Gitters nehmen Bezug auf die Gestaltung des Fens- ters. Nur im untersten Fünftel der früheren Öffnung ist der Holzfensterrest erhalten geblieben. Mit hoher Wahrschein- lichkeit wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt ein neues Fenster mit einer höherliegenden Brüstung eingebaut, wobei der untere Teil einfach vermauert wurde und damit das Fens- ter in diesem Bereich erhalten blieb. Bei den Maßnahmen 2011 entstandene Fotos zeigen eine unterschiedliche Zusam- mensetzung des Füllmaterials im unteren und in den oberen Bereichen (Abb. 4, 9) . Die Aufnahmen aus dieser Zeit verdeut- lichen auch, dass noch ein größerer Teil der Hölzer lagegerecht und intakt war; Ausbau und Lagerung bedingten Verluste an der Holzsubstanz. Die erhaltenen Reste bieten aber trotzdem Informationen zum früheren Erscheinungsbild. Fassungsbe- funde sind nicht erkennbar. Die Rahmenbreite des Fensters beträgt ca. 35,5 cm. In die Schlitze der Höhenschenkel (rechteckiger Querschnitt, auf der linken Seite 40× 19mm, auf der rechten 35×19mm) ist der untere Schenkel gezapft und mit einem Holznagel in der Lage gesichert. Ob der Rahmen die ganze Höhe der Fensteröffnung füllte, ist unbekannt. Er kann bis zur Spitze gereicht haben, durch ein oder mehrere Querhölzer gegliedert, welche die Höhensprosse teilten. Sicher sind entsprechend des Befundes zwei Quersprossen. Sie waren in die Höhenschenkel und die nahezu mittige Höhensprosse gesteckt. Die vier erhaltenen Felder mit dem Öffnungsmaß von je etwa 12 auf 14 cm lassen eine geschlossene gestalterische Einheit erkennen. Diese wird gebildet aus je zwei feinen Diagonalsprossen in den hochrecht- eckigen Glasfeldern, die im Gesamtbild aller vier Glasfelder Abb. 9 Börtewitz, Kirche, Detail der Fensterfreilegung, 2011.

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