Leseprobe
H e r zog t um Me ck l enburg -S chwe r i n | Unb e s t i mmt e s 2 43 gotischen Stadtkirchen. Ungewöhnlich für eine solche Kapelle ist die verglaste Loge in der zwei- ten Etage. Die Mitte der geschnitzten Brüstung springt leicht vor; ihr entsprechen zwei beweg- liche Fensterflügel, umdie Predigt hören zu kön- nen. Ganz unerwartet schließlich ist das mit an- spruchsvollen Bücherschränken bestückte Kabi- nett in der obersten Etage, für das offenbar eine Stuckdecke vorgesehen war und in dessen Rück- wand raumhohe (wohl gotische Kirchen-)Fens- ter angedeutet sind. Wie diese Räume zugäng- lich oder miteinander verbunden sein sollten, ist nicht angegeben. Kat.-Nr. 197 zeigt eher eine repräsentativere Alternative als einen Vorschlag zur Änderung der in Kat.-Nr. 196 dargestellten Situation. An- stelle der einfachen Tür ist hier ein zweiflügeli- ges Portal geplant, wobei der Rahmen der mitt- leren Flügelfüllung jeweils von einer geschnitz- ten Agraffe überfangen wird. Das Festhalten an der Lüftung der hinter der Tür liegenden Räume – hier durch schmale seitliche Gitter und eine Öffnung unter der Schwelle – deutet ebenfalls auf die mutmaßliche sepulkrale Funktion hin. Die geschnitzte Brüstung (nun ohne Vorsprung) ist als Sturz in den Türentwurf integriert; über den Gittern ist das Spiegelmonogramm LL er- kennbar. Erst in einem zweiten Arbeitsgang wurde in brauner Tinte der Grundriss der Öff- nung eingetragen, die nun von Doppelpilastern flankiert wird. Das zugehörige Gebälk müsste über dem verglasten Bogen, somit vor der nied- rigen und offenbar funktionslosen dritten Etage gelegen haben. Mit demGebälk könnte auch das Wappen verbunden gewesen sein, das an an- spruchsvollen Grabkapellen zu erwarten ist. Die Datierung von Kat.-Nr. 196 kann nur aus der Gestaltung der Bücherschränke und der Brüs- tungsfüllungen der Loge mit Laub- und Bandel- werk erschlossen werden, die auf einen Ansatz spätestens im zweiten Viertel des 18. Jahrhun- derts hinweisen. Deutlich jünger erscheinen die geschnitzten Agraffen auf den Flügeln von Kat.- Nr. 197, die schon Formen des Rokoko zeigen und das erste Viertel des 18. Jahrhunderts als Entste- hungszeit ausschließen. Sigrid Puntigam vermutete eine Beziehung des Projekts zum Einbau der Rostocker Univer sitätsbibliothek in ein Obergeschoss der soge- nannten Butterkapelle amWestturm von St. Ja- kobi 1732. 2 Allerdings passt das Projekt nicht auf die räumliche Situation dieser Kapelle, die den wenigen verfügbaren Unterlagen zufolge durch eine geschlosseneWand vomSeitenschiff abge- trennt war. Es ist aber nicht auszuschließen, dass der Entwerfer die Bibliothek ursprünglich in einer der Kapellen auf der Südseite der Jakobi kirche unterbringen wollte und der Entwurf da für bestimmt war. JE 1 Gaudriault 1995 nennt dieseMarke bei den Vimal (S. 278) und in der »Liste des Monogrammes« (S. 282). 2 Zur Butterkapelle vgl. Jügelt 2006, S. 22f. (ebd. die sum- marische Beschreibung dieser Bibliothek durch Oluf Tych- sen 1790). 197
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