Leseprobe

59 8  anhang Zur Wasserzeichenanalyse der Papiere des »Mecklenburgischen Planschatzes« Allgemeines zur Herkunft der Zeichenpapiere im 18. Jahrhundert nördlich der Alpen Betrachtet man den Papierhandel im 18. Jahr- hundert für Deutschland, so müssen hier die heutigen Niederlande in den Fokus rücken. Waren es in der ersten Hälfte des 17. Jahrhun- derts wohl vor allemPapieremit Wasserzeichen aus Deutschland (oft mit den Wasserzeichen Narrenkappe oder die Straßburger Lilie im Schild), die in Deutschland und den Niederen Landen Verwendung fanden, so wurden diese dann sehr schnell von Schweizer Papieren (mit Basel-Stab oder Berner Bär) vom Spitzenplatz verdrängt. 1 Um die Mitte des 17. Jahrhunderts kames hier zu einer erneuten Verschiebung. Der Eigenvertrieb der Papiere durch die Papiermüh- len wurde zunehmend von international operie- renden Papierhändlern, vornehmlich aus Ams- terdam übernommen. Von diesen lassen sich schon kurz vor 1600 die ersten Papierankäufe im süddeutschen und Schweizer Raum nachwei- sen, doch wurde ab etwa 1650 vor allem Papier in Frankreich mit speziell auf den holländischen Markt abgestimmtenWasserzeichen (Stadtwap- pen von Amsterdam ab 1653, Typ 40; Holländi- scher Löwe 1656, Typ 50) nach Holland impor- tiert. Drei Viertel der um 1675 im Gebiet der heutigen Niederlande verwendeten Papiere wa­ ren dann auch mit dem Wappen von Amster- dam, dem Holländischen Löwen oder der Nar- renkappe versehen. 2 Ab 1670 spielten Papiere aus Deutschland und der Schweiz (zumindest in Holland) keine Rollemehr. Die Amsterdamer Papierhändler hat­ ten sich vor allem in Angoulême gefestigt und waren dazu übergangen, anfangs ganze Jah­ resproduktionen aufzukaufen und Geld für die Papierproduktion vorzustrecken. Oft wurden schließlich Amsterdamer Händler direkt Pächter von französischen Papiermühlen. 3 Zwischen 1750 und 1775 verdrängte die kleine, aber sehr mäch- tige Gruppe einiger weniger Papiergroßhändler die bis dahin üblichen, stets wechselnden Pa­ piermühlenbetreiber. Zu dieser Gruppe der be- deutendsten Papiergroßhändler zählten van der Ley (Typ 14, 19, 25, 30, 33, 34, 45, 59), Honig (Typ 11, 18, 42, 44, 51, 52, 53, 54, 61), van Gerrevink (Typ 32, 43), Blauw (Typ 10, 48) und Rogge, derenWasser- zeichen nun übermäßig und meist unter Ver- meldung des vollständigen Namens zu finden sind. 4 Hierin ist auch der Grund der Dominanz holländischer Wasserzeichen im Schweriner »Planschatz« zu sehen. In der gesamten ersten Hälfte des 18. Jahr- hunderts war die Anzahl der in holländischen Papieren verwendetenWasserzeichentypen eher gering. Das »ProPatria«-Zeichen (Typ 2) und das »Vryhyds«-Zeichen (Typ 50) sind kennzeichnend für diese Periode, genau wie das Amsterdamer Wappen, welches jedoch nach 1740 sehr viel weniger populär wurde und dann nahezu aus- schließlich in Kombination mit der Gegenmarke »IV« vorkommt. 5 Wasserzeichen – in ihrer Durchsicht zumeist helllinige Gebilde im Papier, »die als Herkunfts- und Geschäftszeichen oder Meistermarken, als Kennzeichen von Sorte und Format oder auch zum Schutz gegen Missbrauch, seltener zum Schmuck des Papiers dienen«, 6 sind kennzeich- nend für europäisches handgeschöpftes Papier. Die frühestenWasserzeichen fanden sich auf Pa- pieren aus der Gegend des heutigen Italien, die sich dort spätestens seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wiederfinden lassen (vgl. z. B. Briquet WZ-Nr. 5410; aus einem 1282 oder 1288 in Bologna ausgestellten Dokument). Neben den mehrheitlich von Papiermühlen initiierten Wasserzeichen, bei denen jene die Funktion als Herkunftszeichen, Meistermarke oder als Kennzeichen von Papiersorten, -forma- ten 7 und -qualitäten übernahmen, gab es auch die sogenannten »Händlerwasserzeichen«, 8 die am ehesten im heutigen Sinne einer Marke bzw. eines Markenlogos verstanden werden können. Händlerwasserzeichen – unter den im Rahmen des »Planschatzes« erfassten Wasser- zeichen eher von geringerer Anzahl – kamen ab dem 17. Jahrhundert und hier zuerst durch den holländischen Papiergroßhandel auf. 9 Das Papier der Schweriner »Planschatz«-Zeichnung mit der Inventarnummer 327 (Kat.-Nr. 428) ver- weist mit den demWasserzeichen angefügten Initialen »AJ« auf einen solchen Papierhändler. »AJ« steht mutmaßlich für den Amsterdamer Papierhändler Abraham Jansen, der ab dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts Papiere vor allem in Angoulême aufkaufte und schließlich eine eigene Papiermühle in Südwestfrankreich pachtete. 10 Bei dem Papierhistoriker Karl Theo- dor Weiss heißt es in Bezug auf Händlerwasser- zeichen weiter: »Über die zwischen Papier- händler und Papiermühlen getroffenen Bin- dungen sind teilweise Verträge überliefert. In diesen verlangen die Händler mitunter die An- bringung besonderer Wasserzeichen, oder sie stellen den Papiermühlen leihweise Formen mit dem gewünschten Wasserzeichen zur Ver- fügung, manchmal lassen sie sich ein eigenes Wasserzeichen anfertigen. [...] Mit dem Verle- gen oder dem Eigenerwerb von Papiermühlen durch Unternehmer und Papierhändler hängt es zusammen, wenn von einzelnen Papiermüh- len fremde Wasserzeichen nachgemacht wer- den. [...] So ließen beispielsweise holländische Geldgeber und Unternehmer in Angoulême holländische Wasserzeichen in ihr bestelltes Papier setzen.« 11 Um Wasserzeichen ins Papier einzubringen, wurden aus Kupferdraht gebildete Figuren auf dem Schöpfsieb – korrekt als Schöpfform be- zeichnet – aufgelegt und mit feinen Messing­ fäden angenäht oder seltener aufgelötet. 12 Beim Papierschöpfen konnten sich dort dann weniger Papierfasern auf dem Sieb ablegen. Der so ge-

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