Leseprobe

12   G r u n d g e d a n k e n Doris Titze Grenzgänge: Projektarbeit in der Kunsttherapie Kunsttherapie verbindet die Disziplinen der Bildenden Kunst mit therapeutischen Verfah- ren. Sie arbeitet vorrangig mit den Ressour- cen der Menschen, um deren schöpferische Energie, Selbstheilungskräfte und Selbst­ verantwortung zu stärken sowie Konflikte, Ängste, Hoffnungen und Wünsche zu veran- schaulichen und gegebenenfalls zu lösen. Wie Benedetti/Peciccia schreiben, gibt es im Bild wie im Traum kein »Nein«, da das Bild als solches bereits konstruktiv sei, auch wenn esWiderstände beschreibe. »DasWort ›Nein‹ scheint es nicht zu geben. Weder im Traum, wie es uns Freud gesagt hat, noch im Bilder- gebrauch. Der Dialog mit Hilfe von Bildern neigt daher dazu, den Gegenständen eine positive Form zu geben« (Benedetti, Peciccia 1994, S. 92). Kunsttherapie ist also die Arbeit mit Pati- ent*innen und ermöglicht (visuelle) Erkennt- nisse. Das Spektrum seriöser Kunsttherapie ist ein erweitertes Feld der Bildbetrachtung und Bildproduktion, des Einbezugs künstlerischer und wissenschaftlicher Handlungen und Denkweisen in den therapeutischen Kontext. Der existenzielle Blick der Kunsttherapie auf den Menschen ist auch eine Bereicherung des Blicks auf die Kunst. Und umgekehrt, hilft eine differenzierte Betrachtung auf die Ge- staltung dem Blick auf den Menschen. Die Qualität bildender Kunst, die auch in der Therapie wirksam wird, ist neben der Wahr- nehmungsschärfung der Freiraum, den künst- lerische Tätigkeit in ihrer ursprünglichen, schöpferischen Qualität ermöglichen kann. Speziell im klinischen, soziokulturellen, in­ terdisziplinären und interkulturellen Raum gewinnt kunsttherapeutische Arbeit zuneh- mend an Gewicht, und es etabliert sich kunst- therapeutische Projektarbeit. Bei Anfragen zu Projekten an den Aufbaustudiengang achten wir darauf, ob diese auch therapeutische Maßgaben enthalten – oder ob der an uns herangetragene Wunsch schlichtweg in der Verschönerung von Fluren und Räumen einer Einrichtung besteht, die kostengünstig durch erfahrene Künstler*innen (im Praktikum) ge- leistet werden soll. Kunsttherapeutische Pro- jekte bedeuten eine Schnittstelle individueller und gemeinsamer Anliegen sowie therapeu- tischer, pädagogischer und ästhetischer In- halte. Projekte fördern bei Patient*innen neben individuellen therapeutischen Bezügen vor allem auch Durchhaltevermögen, Flexibi- lität, Realitätssinn und Kontaktfähigkeit. Sie stabilisieren ihren Eigenwert im Rahmen ei- nes Gruppengefüges. Sowohl der neue Blick auf sich selbst als auch auf bisher ungeahnte Fähigkeiten bleibt in der kollektiv erarbeite- ten Gestaltung sichtbar und stärkt das Zu- sammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe, die gemeinsam alle Hürden genommen hat. Die Gestaltung bleibt meist längerfristig (auch für andere) erhalten; so beispielsweise die drei Betonstelen des Klinikums der Inn-Salzach Klink, zusammengesetzt aus 23 – von Pati- ent*innen gestalteten – Reliefs. Das alles sind Zielgaben der Arbeit mit Pa- tient*innen und Klient*innen. Doch was ist, wenn diese nicht (mehr) aktiv mitarbeiten können, um für sich selbst ein bildnerisches Gegenüber zu schaffen? In diesem Fall über- nehmen die Kunsttherapeut*innen die Ge- staltung für ihre Patient*innen. Dies kann in der Hospizarbeit vonnöten sein, wo manche Kunsttherapeut*innen die Bilder ihrer Klient*innen nach deren Erzählungen und Be- schreibungen veranschaulichen. Im gegen- seitigen Austausch versucht man, einen stimmigen Ausdruck zu erzielen. Basis ist die Schulung eines präzisen, verständnisvollen, aktiven Zuhörens und Umsetzens. Hier bedarf es neben eigener Gestaltungsfähigkeiten ei- ner großen Empathiefähigkeit. Um in Reso- nanz gehen zu können, also um mit Bildern, Menschen und Situationen mitschwingen zu

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