Leseprobe

11 Die interpersonelle Umgebung berücksichtigt auf der zwischenmenschlichen Ebene As­ pekte einer verbindlichen, fürsorglichen und achtsamen Beziehungsgestaltung durch die Behandelnden. Seitens der Patient*innen geht es hier um die Förderung einer vertrau- ensvollen Kommunikation und Kooperation. Auch die Zusammenarbeit in den Teams und eine geeignete Hierarchie und Leitung wer- den hierzu gezählt. Auf der Verhaltensebene liegt der Fokus sowohl auf der Ebene der umfassenden be- ruflichen Kompetenz der Helfer*innen, als auch darauf, die Erkrankten in Fragen einer gesunden Lebensführung zu unterrichten und zu unterstützen. Dazu gehören u.a. das Ein- üben von genügend Bewegung, gesunder Ernährung, wirksamem Stressmanagement inklusive sinnvoller Freizeitgestaltung und angemessenen Schlafgewohnheiten. Bezüglich der äußeren Realität als ge- sunde Umgebung kommen schließlich auch Faktoren wie Licht und Luft, Farbe und Stille, Wärme und Naturbezug sowie die Orientie- rung an Nachhaltigkeit zum Tragen. Das zei- gen auch die oben genannten Beispiele. Der letztgenannte Bereich der äußeren Umgebung ist der, den das hier vorgestellte Projekt in den Fokus genommen hat. Eine Gruppe des Studiengangs KunstTherapie der Hochschule für Bildende Künste Dresden unter Leitung von Frau Prof. Doris Titze hat sich zwei Jahre mit der Möglichkeit eines Healing Environment auf der Intensivstation des Diakonissenkrankenhauses Dresden un- ter Leitung von Pflegedirektor Michael Junge auseinandergesetzt. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil hier in einem Bereich der Medizin gearbeitet wurde, der selten zum Gegenstand solcher Überlegungen wird. Das ist eigentlich schade, denn die Belastung ist gerade dort für alle Beteiligten, Kranke, me- dizinische Teams und die Angehörigen sehr hoch und ruft eigentlich nach Entlastung. Aber Intensivstationen sind üblicherweise auf maximale Funktionalität, freien Zugang zum Körper der Patient*innen, kurzeWege für die Pflegenden oder Keimfreiheit ausgerichtet. Geräte klingeln und blinken Tag und Nacht, die Geräusche der Beatmungsgeräte gehen im endlosen Rhythmus, die Lichtverhältnisse richten sich nach dem Bedarf des medizini- schen Eingreifens und nicht unbedingt da- nach, wann es (draußen) hell und wann es dunkel ist. In dieses Getriebe den Sand von Farbe oder Form zu bringen, ohne die Funktion zu beeinträchtigen, ist schon an sich ein Kunst- stück. Wenn aber dabei noch heilende As- pekte eingebracht werden, die den Intensiv- mediziner*innen erstmal fernliegen, obwohl sie dazu beitragen, auch deren Arbeit – Evi- denz-basiert! – zu befördern, kann das ge- trost als ein Glücksfall für das Krankenhaus, die Mitarbeiter*innen, die Patient*innen und das Gesundheitssystem bezeichnet, gewür- digt und gefeiert werden. Vor über 50 Jahren bedeuteten struktu- relle Veränderungen im Gesundheitswesen noch häufig »Macht kaputt, was Euch kaputt macht!«, wie es u.a. ein Lied der Gruppe »Ton Steine Scherben« um Rio Reiser besang. Erinnert sei hier z.B. an den Ausbruch aus den psychiatrischen Institutionen, wie er beson- ders heftig in Italien mit dem Projekt der Pferdeskulptur »Marco Cavallo« geschah. Diese überlebensgroße, leuchtend blaue Sta- tue wurde zum Symbol, mit der die Klinik- mauern durchbrochen wurden, um die Kran- ken und die Mitarbeiter*innen gleicherma- ßen aus den unmenschlichen Institutionen zu befreien (Scabia 1979). Der Studiengang KunstTherapie und das Diakonissenkrankenhaus aber sind einem komplementären Motto gefolgt: »Baut auf, was Euch aufbaut!«, scheint die Devise – und die hat doch das gleiche Potenzial einer um- fassenden Förderung der Gesundheit! Literatur ■ DIMDI (Hg.): Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF), 2005. ■ Huisman, E.R.C.M., Morales, E., van Hoff, J., Kort, H.S.M.: Healing environment: A review of the impact of physical environmental factors on users, in: Build & Environment, 58, 2012, S.70–80. ■ Ulrich, R.S., Zimring, C., Zhu, X., DuBose, J. et al.: A Review of the Research Literature on Evidence-Based Healthcare Design, in: Health Environment Res. & Design, 1, 2008, S.101–166. ■ Sakallaris, B.R., MacAllister, L., Voss, M., Smith, K. et al.: Optimal Healing Environments, in: Global Adv Health Med., 4, 2015, S.40–45. ■ Scabia, G.: Das große Theater des Marco Cavallo. Phantasiearbeit in der Psychiatrischen Klinik Triest, 1979.

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