Leseprobe
51 handschriftlich. Am Ende des Briefes stand, dass die Beschaffung des Stahles für den Wiederaufbau der Innenpfeiler noch ungewiss und schwierig war. Schließlich konnte auch das gelöst werden. Die Stahl- träger kamen aus dem Westen, mehr oder weniger als Spende. Sie wurden aufgestellt und ummauert. Als einige von ihnen 40 Jahre später vom Rost be- droht waren, konnte ich – jetzt schon nach der poli- tischen Wende – Hilfe leisten. In den 1960er und 1970er Jahren wurden die Kontakte noch schwieriger. In Berlin wurde die Mauer gebaut, die Grenze quer durch Deutschland wurde befestigt, Minen wurden verlegt, Selbstschussgeräte aufgestellt Es war im April 1971. Für eine Reise mit der Bahn in die Deutsche Demokratische Republik benötigte ich als Westler dreierlei: Eine Aufenthalts- berechtigung, ein Visum für die Einreise, ein Visum für die Ausreise. Die Aufenthaltsberechtigung galt nur für Jena; um nach Weimar fahren zu dürfen – 25 Kilo- meter, mit dem Bus, an die Hochschule für Architektur und Bauwesen – musste die Weiterreise von der Volkspolizei genehmigt und im Reisepass eingetra- gen werden. Dazu musste ich einen schriftlichen An- trag stellen und brauchte eine schriftliche Einladung. Damit mein Antrag nicht abgelehnt werden konnte, schrieb mein Weimarer Kollege Siegfried Speer, er lade mich ein, die Nationalen Forschungs- und Ge- denkstätten, sprich das ehemalige Konzentrations- lager Buchenwald, zu besuchen. Das konnte man ihm und mir nicht versagen. Also fuhren wir erst dort- hin, ehe wir uns in der Hochschule zum Fachgespräch zusammensetzten. In den 1980er Jahren blieben Mauer und Grenz- befestigungen – wer sie überklettern wollte, riskierte den Tod. Aber die offiziellen Kontakte wurden erleich- tert.EswurdeeinAbkommenüberdiewissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen beiden deut- schen Staaten geschlossen, es wurden Arbeitsgrup- pen gebildet, man traf sich abwechselnd in Ost und West. Ein Kollege aus der DDR schrieb über uns West- ler die Berichte für den Staatssicherheitsdienst. In Karlsruhe veranstalteten wir zu dieser Zeit drei Expertentreffen. Es ging um Feuchteschutz, Be- tonsanierung, Bauwerksdiagnostik. Die Kollegen aus der DDR hatten gemeinsam an- und abzureisen, im gleichen Eisenbahnabteil, einer sollte auf den an- deren aufpassen, keiner sollte sich davonmachen können. Im April 1989, am Ende eines Karlsruher Treffens, kurz vor der Heimreise, klagte einer der Teilnehmer aus Ostberlin, ein angesehener Wissen- schaftler und Nationalpreisträger, über starke Herz- schmerzen. Meine Frau und ich fuhren ihn ins Städtische Krankenhaus. Dort wurde er lange und gründlich untersucht, die Gruppe musste ohne ihn abreisen. So konnte er einen Tag länger in Karlsruhe bleiben, sich ohne Aufpasser mit seinem Sohn tref- fen, der vor Jahren in den Westen geflohen war und den er seitdem nicht mehr gesehen hatte. Den Herz- anfall hatte er, um mit seinem Sohn sprechen zu können, simuliert. Mit Gerhard Sperling, Bauingenieur und Profes- sor für Grundbau an der Technischen Hochschule Leipzig, hatte ich in Schlesien in der gleichen Schul- bank gesessen. 1988, nach mehr als 45 Jahren, traf ich ihn wieder. In der DDR war er Parteimitglied ge- worden, hielt seine schützende Hand über junge Kollegen, die in Schwierigkeiten mit dem Regime geraten waren. Dass wir als Westdeutsche im Früh- jahr 1989 die Kirche in Ellrich im streng überwachten Grenzstreifen der DDR wegen ihrer Treibmineralschä- den untersuchen durften, verdanken wir ihm und seinem Gartennachbarn, der ein hohes Amt in der Partei hatte. Was hätte ich gemacht, wenn mich Krieg und Flucht in die DDR verschlagen hätten und nicht in den Westen? Wäre ich nicht auch in die Partei ein- getreten? Gerhard Sperling starb, wenig mehr als sechzig Jahre alt, Anfang der 1990er Jahre. Wolfgang Preiß aus Dresden war freischaffen- der Bauingenieur. Das war in der DDR ungewöhnlich, zumal für jemanden, der dem Regime fernstand. Mit einfachen, einfühlsamen Konstruktionen, oftmals aus der Not geboren, half er vielen zu Schaden ge- kommenen Baudenkmalen zu überleben. Wolfgang Preiß hatte internationalen Ruf. Man ließ ihn nach Rom reisen, wo er Kurse für Architekten und Bauingenieure abhielt. Nach der Wende dauerte es eine Weile, bis wir zusammenfanden, er, der Ein- zelkämpfer Ost, und ich, der Westler mit Büro. Aber er ließ sich von mir, bald nach der Wiedervereinigung, für das Weiterbildungsstudium in Dresden gewinnen. Er war bei den Studenten hoch angesehen und wurde ob seiner Behutsamkeit im Umgang mit den Bau- denkmalen als moralische Instanz unter den Ingeni- euren geschätzt. Die Technische Universität Dresden
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