Leseprobe

52 ernannte Wolfgang Preiß 1995 zum Honorarprofessor. Er starb, zweiundachtzigjährig, im Jahre 2004. Schließlich Hans Nadler – Professor, Architekt, Denkmalpfleger. Er hat sich wie kein anderer um den Erhalt der historischen Bausubstanz in der DDR ver- dient gemacht. Dazu waren Mut und List gegenüber der Obrigkeit vonnöten. Beides besaß er und setzte es ein. Trotz mancher Hindernisse ließ er die Kon- takte zumWesten nicht abreißen. Gelegentlich durfte er dort hinreisen, aber er kehrte zurück, hielt in Dres- den Stellung. Von vielen Bauten, denen er Hilfe gab, wäre zu berichten, ich beschränke mich auf die Frau- enkirche zu Dresden. Hans Nadler – davon ist auch andernorts in diesem Buch die Rede – hat nach dem Krieg ihre Trümmer vor demWegräumen bewahrt und später, nach der Wiedervereinigung, den Wiederauf- bau mit klugem Rat begleitet. Einen Wiederaufbau, bei dem sich Ost und West fanden, und bei dem er Brücken zwischen Menschen baute, die sich 40 Jahre auseinandergelebt hatten. Wenige Wochen vor der Wiedereinweihung 2005 ist Hans Nadler, fünfund- neunzigjährig, gestorben. Zu Wolfgang Preiß und Hans Nadler noch ein persönlicher Nachtrag. Gehört hatte ich von Wolf- gang Preiß schon früher, kennengelernt habe ich ihn in Dresden gleich nach der Wende. Er fragte mich, ob ich ihn nicht einmal besuchen wolle. Die Gelegenheit ergab sich bald. Ein Bonner Ministerialbeamter war an die Technische Universität gekommen, brachte seine Vorstellungen von technoider Denkmalpflege mit und winkte den Universitätslehrern mit dem neuen Geld, damit sie seine Ideen in der Forschung verifizierten. Das Verhör, das er mit jedem von ihnen anstellte, war peinlich. Ich verließ die Runde und ging quer durch die Stadt zur Budapester Straße, wo Wolfgang Preiß, ein ganz anderer Mann, wohnte. Es wurde ein langes Gespräch. Zuerst klagte er über Gott und die Welt. Damals wusste ich noch nicht, dass das sein Einleitungsritual war. Es musste einfach heraus. Dann sprachen wir voneinander, von unserem Tun. Er, den die äußeren Verhältnisse in der DDR und sein inneres Wesen zu zurückhaltend spar- samen Ingenieurkonstruktionen in der Denkmal- pflege geführt hatten, und ich, von dem er annehmen musste, dass ich im Westen ja wohl aus dem Vollen hatte schöpfen können. Es war ein erstes Abtasten. Weitere Begegnungen folgten, aus dem Abtasten ent- stand nach und nach gegenseitiger Respekt. Seine bescheidene Art beeindruckte. Gewiss, er war ein Einzelkämpfer, ein eigener Kopf, der sich nicht ver- einnahmen ließ. Immer war er kritisch, manchmal auch schwierig. Aber er war ehrlich. Er, zu dessen Repertoire ganz selbstverständlich auch der Stahl- beton gehörte, war gar nicht dafür, die Frauenkirche nur in Stein wieder aufzubauen. Aber in den öffent- lichen Streit darüber ist er nicht eingetreten, da war er fair. Sein hohes Maß an Zuwendung zum gebauten kulturellen Erbe und die einfachen Lösungen, die er zu dessen Bewahren immer wieder fand, erwuchsen – so spürte ich es – aus einem engen Verschmelzen seines beruflichen und persönlich-privaten Denkens und Handelns. Er war kein Statiker, kein Rechen- künstler, sondern ein Ingenieur im besten Sinne, einer, der in seinen Gutachten keine langwierige Ver- wissenschaftlichung betrieb, sondern knapp und kurz und zielgerichtet auf das zu sprechen kam, was praktisch nötig und möglich war. Vieles von dem, was er zum Schutz und zur Reparatur der alten Baukons- truktionen ersonnen hat, ist längst selbstverständ- licher Teil der Bauwerke geworden. Wolfgang Preiß hat nach der Wende noch Jahr für Jahr Vorlesungen gehalten, im Postgradualstu- Gerhard Sperling

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