Leseprobe

98 / Böhler schuf hier ein außergewöhnlich eindrucksvolles Epitaph, das farbig gefasst und teil- weise vergoldet wurde. Das Epitaph wurde in einer architektonischen Struktur angelegt: Vor einem Obelisken mit Inschrift, der von einem Kranz bekrönt wird und von dem beiderseits Ornamentgeflecht herabfällt, sitzt auf einer kissenartigen Konsole und einer Wolkenballung Chronos, die bärtige und geflügelte Gottheit der Zeit, und weist mit einem Stock in der Linken auf eine schildartig ausgeprägte Schriftkartusche, die er mit der Rechten hält. Taufengel in der Kirche Rudisleben (1741) Verwiesen sei zudem auf ein Werk in der Kirche von Rudisleben, das in Bezug auf Böhler von Interesse ist und ihm eventuell zugeschrieben werden kann – ein 1741 entstandener Taufengel (Abb. 64). 332 Obwohl dieser Taufengel 23 Jahre vor dem o. g. Epitaph Zimmermann entstanden ist, ergibt sich anhand der Biographien Böhlers und Zimmermanns eine Verbindung zwischen beiden Objekten. Auch stilistische Erwägungen sprechen für Böhler. Die Kirche von Rudisleben war 1730 abgebrannt, dabei auch ein Taufengelpaar verloren gegangen, das Heinrich Christoph Meil erst 1727 gefertigt hatte. 1731/32 wurde ein Neubau errichtet, der im Verlauf der 1730er-Jahre eine neue Ausstattung erhielt. 1741 stiftete jener Pfarrer Zimmermann, für den Böhler 1763/64 ein Epitaph schaffen sollte, einen neuen Tauf- engel, über den nur bekannt ist, dass es sich nicht um eine stehende, sondern um eine schwe- bende Figur handelte. Dieser Taufengel befindet sich noch heute, wenn auch seinem ursprüng- lichen Zweck entfremdet, in der Kirche. Es gibt mehrere Gründe, diesen Taufengel Böhler zuzuordnen. 1. In dem hier relevanten Jahr 1741 ließ sich Böhler nach seiner Abwendung vom fürstlichen Hof in Sondershausen definitiv in Arnstadt nieder. Dies blieb gewiss auch im nahegelegenen Rudisleben nicht un- bemerkt. Für Zimmermann, der Böhler seit dessen Schulzeit gekannt haben muss, war es naheliegend, sich wegen der Anfertigung eines Taufengels an Böhler zu wenden. Für Böhler wäre der Taufengel ein Schritt in eine neue berufliche Existenz gewesen. Zimmermann hin- gegen hätte bei dem ihm gut bekannten Böhler wohl auf moderate finanzielle Konditionen rechnen können. 2. Die nach dem Tod der Arnstädter Bildhauer Meil und Jacobi († beide 1738) eingetretene Vakanz wurde Anfang der 1740er-Jahre durch die Ansiedlung des Bildhauers Abb. 65 Johann Friedrich Böhler Epitaph für Ernst Zimmermann in der Kirche von Rudisleben Abb. 64 Johann Friedrich Böhler (?) Taufengel in der Kirche von Rudisleben Abb. 66 Johann Friedrich Böhler Epitaph für Augusta Antonette van Bergen (Schlossmuseum Arnstadt Pl 56)

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