Leseprobe

134 Veranstaltungen und Berichte Anschub der Entwicklung des Geländes hatte die Stadt bereits 2012 bis 2014 die große Shedhalle zur Kindertagesstätte um- gebaut. Wenn auch aus denkmalpflegerischer Sicht durch die nahezu vollständige Entkernung die besondere Konstruktions- art mit beidseits geradwandigen Shedaufbauten bis auf ein kleines Referenzstück verloren gegangen ist, so ist der Gewinn für das Gesamtgelände nicht als gering anzusehen. Die ehema- lige Fabrikverwaltung im Mittelteil der Halle wird nach Ende der Bindefrist öffentlicher Mittel für das bisherige Rathaus zum neuen Verwaltungssitz der Stadt ausgebaut. Mittlerweile hat auch die Zeile mit den historischen Kernbauten der Fabrik aus den Jahren 1809, 1816 und 1887 eine Perspektive. Ein Berliner Investor hat Pläne für die Umnutzung zu Wohnungen und Ladengeschäften vorgelegt, die bereits zu einer ersten Bauge- nehmigung für das jüngste Gebäude geführt haben. 2018 er- hielt die Stadt Flöha für das Konzept den 2. Preis im Bundes- wettbewerb »Europäische Stadt«. Das nächste Ziel der Pressefahrt war die Schönherrfabrik, eine ehemalige Webstuhlfabrik in Chemnitz. 3 Sie besteht aus zahlreichen Einzelgebäuden unterschiedlicher Entstehungszeit. Im Kern als frühe Spinnmühle der Unternehmer Wöhler und Lange erbaut, hat sie sich unter dem dort als Lehrling ein- und erfolgreich aufgestiegenen Industriepionier Carl Gottlieb Hau- bold (1783–1856) zum Maschinenbaustandort entwickelt (Sächsische Maschinenbau Compagnie), aus dem schließlich in zeittypischer Spezialisierung die Webstuhlfabrikation des ehemaligen Mitarbeiters Louis Schönherr (1817–1911) hervor- ging. Die Fabrik belegt in ihrer baulichen Entwicklung gerade- zu idealtypisch den stürmischen Fortgang der Industrialisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Birgit Eckert, Geschäfts- führerin der SCHÖNHERR WEBA GmbH, stellte in einem Vortrag die Nutzungsgeschichte nach 1990 vor, eine beispiel- hafte Entwicklung voller Tatendrang, Ideen, Mut und Zuver- sicht. Die ausgegründete Entwicklungsgesellschaft SCHÖN- HERR WEBA GmbH erstellte, ausgehend von einer mit europäischen Mitteln finanzierten Bedarfsstudie der Stadt Chemnitz, ein ausgefeiltes Konzept zur nachhaltigen, am Be- stand orientierten Umnutzung ( Abb. 4 ) in einzelnen, überschau- bar zu finanzierenden Bauabschnitten. Über acht sind es mitt- lerweile geworden, und die überwiegend denkmalgeschützten Gebäude sind prall gefüllt mit gewerblichen Einrichtungen. Die Denkmalpflege war immer eng einbezogen, der industri- elle Charakter wurde von der Entwicklungsgesellschaft nicht als Belastung, sondern als besonderes Alleinstellungsmerkmal begriffen. Aus der bereits dem Untergang geweihten Industrie­ brache ist über die Jahre ein stark nachgefragter Gewerbestand­ ort mit Freizeitqualität geworden (Restaurants, Tanzschule, Fit- nessstudio). Schließlich führte die Fahrt zum Chemnitzer Viadukt und Eisenbahnbogen ( Abb. 5 ). 4 Dort empfingen Dr. Johannes Rödel, Abb. 4 Schönherrfabrik Chemnitz mit nachhaltiger, am Bestand orientierter Umnutzung zu Büros im ersten, um 1830 errichteten Erweiterungsbau, 2015. Abb. 5 Chemnitz, Chemnitzer Viadukt, Michael Streetz im Ge- spräch mit Vertretern der Presse, der Bürgerinitiative »Viadukt e.V.« und der DB AG, 2020.

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